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Heft-Nr. 18: Das Alter Drucken E-Mail

Heft18

Heft Nr.18

SCHWERPUNKT: DAS ALTER

Brigitte Dorst

Altern als Lebenskrise
und Reifungschance
(Leseprobe s. u.)

Gert Sauer
Über natürliche Weisheit

Ingrid Riedel
Altern: das Leben ausschöpfen
– und loslassen

Altern als Lebenskrise und Reifungschance

von Brigitte Dorst

Für heutige Menschen zeigt sich das Alter in einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Gesichter: Da sind die lächelnden Gesichter der sog. Silver-agers, der Generation 60-plus, die ihre Lebenszeit und die mit ihr einhergehenden Freiheiten genießen und auskosten; da sind die ängstlichen und wie erloschenen Gesichter der alten Menschen in Pflegeheimen, die an Demenz oder Alzheimer leiden; da gibt es das melancholische Gesicht des Alters, das sich um Haltung und Fassung bemüht und die Einschränkungen und Kümmernisse des Alters hinter einer selbstironischen Haltung zu verbergen weiß; und da sind auch die Gesichter von Frauen, die im Anti-Aging-Kampf gegen Falten und alle Alterszeichen Botox und andere Waffen der Pharmaindustrie und Schönheitschirurgie zu Hilfe nehmen ...

Das Alter selbst ist ein gesellschaftspolitisches Thema, da die Gesellschaft als Ganze auf besondere Weise altert und sich gravierende demographische Veränderungen abzeichnen. Es ist ein mit unterschiedlichen Ängsten besetztes Thema. Zu den Fakten zählt, dass die individuelle Lebensdauer und Lebenserwartung ständig steigt. Die Mehrheit der heute lebenden Erwachsenen und Kinder wird viel länger leben als die Menschen der Generationen zuvor. Das Alter wird zu einer besonders langen Lebensphase.

„Wer heute lebt, nimmt an einem in der Menschheitsgeschichte einzigartigen und von uns allen nicht vorhersehbaren Abenteuer teil“, so Frank Schirrmacher in seinem Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ (2004, S. 13). Für viele ist jedoch die Lebensphase jenseits der 60 Jahre nicht ein mit Spannung erwartetes Abenteuer, sondern – entsprechend dem kulturell vermittelten Altersstereotyp – eine gefürchtete Lebenszeit, die als eine Zeit des Abbaus, des Verlustes an Attraktivität, Gesundheit und geistigen Fähigkeiten mit Schrecken erwartet wird. Das zeigt sich auch in der hohen Zahl der Suizide und Suizidversuche älterer Menschen. Ich will im Folgenden auf die Lebensphase des Alters eingehen, unter dem Doppelaspekt der Krise, in der das Leben scheitern oder gelingen kann.

Suizidale Krisen im Alter
Psychologisch ist die Krise gekennzeichnet durch den Verlust der Homöostase, durch ein Ungleichgewicht zwischen unseren Fähigkeiten und Kräften zur Problembewältigung und einer vorhandenen Situation. Krise bedeutet: Gefahr, Entscheidung, Höhepunkt und Umschlagpunkt, aber im chinesischen Schriftzeichen ebenso: Chance. Krisen sind Situationen der Zuspitzung, in denen Menschen von Panik und Angst ergriffen werden, keinen Ausweg mehr sehen und ihre bisherigen Lebensmuster zur Bewältigung der Situation nicht mehr ausreichen. Krisen sind Grenz- und Durchgangssituationen.

Die Reaktionen von Menschen auf belastende und bedrohliche Lebensereignisse und entsprechend ihre Verwundbarkeit und Krisengefährdung sind sehr unterschiedlich. Was den einen Menschen in eine schwere Krise stürzt, kann ein anderer mit seinen Möglichkeiten noch bewältigen. Krise ist der Zeitpunkt, in dem der Mensch als Ganzes in Frage gestellt ist und eine Veränderung erfährt, aus der er als ein anderer hervorgeht, entweder mit neuen Lebenskräften oder im Versagen der Kräfte, z.B. im Suizid.

Fast ein Drittel aller Suizide (jährlich zwischen 11.000–12.000) wird von Menschen über 60 Jahren vollzogen. Sie stellen gegenwärtig jedoch nur ein Fünftel der Bevölkerung.

Die Pensionierung, der Verlust des Arbeitsplatzes im höheren Alter in Verbindung mit der Erfahrung, nun „zu alt“ zu sein für Chancen auf dem Arbeitsmarkt, körperliche Veränderungen oder die Erfahrung von Demenz, Alzheimererkrankung und Pflegebedürftigkeit der eigenen, hochbetagten Eltern – all dies können Krisenauslöser sein für eine Alterskrise im Übergang vom mittleren Erwachsenenalter zum Alter. Mit dem Bewusstsein der scheinbar immer schneller vorübereilenden Zeit kommen Fragen auf: „Das soll nun alles gewesen sein? War das mein Leben wert? Hat es seinen Sinn erfüllt? Kann ich und will ich so weiterleben?“ Aufkommende Ängste, tiefe resignative Gefühle können sich bis zur suizidalen Krise steigern.

Alter ist nicht nur etwas, das uns widerfährt; es stellt vielmehr – wie jede Lebensphase – Aufgaben und Anforderungen an uns, die zu bewältigen sind. Die Nichtbewältigung der Entwicklung- und Reifungsaufgaben des Alters zeigt sich unter Umständen in spezifisch aggressiv-destruktiven Verhaltensweisen der ständig unzufriedenen, nörgelnden, manchmal sogar boshaften Alten mit ihrem Lebensneid auf die Jüngeren. Es kann sich zeigen im Sich-Anklammern an Besitz und den Status quo, im Sammeln, Festhalten von Dingen – aus Altersgier und einem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. All dies macht den Umgang mit solchen alten Menschen schwierig. Öfter aber verbergen ältere Menschen ihre Nöte und Probleme im stillen, schambesetzten Rückzug.
  • Vereinsamung und Isolation,
  • schwerwiegende Verlusterfahrungen, z.B. der Tod des Lebenspartners,
  • Altersarmut,
  • Angst vor Krankheit und langem Siechtum,
  • Angst vor Abhängigkeit und Verlust von Würde und Autonomie,
  • Angst vor Pflegebedürftigkeit und entmündigender Behandlung in Pflegeheimen,
  • gestörte Beziehungen und Zerwürfnisse in der Familie und Partnerprobleme,
  • Angst vor einem inhumanen Lebensende und Ausgeliefertsein an eine hochtechnisierte Apparatemedizin.

Besonders erhöht ist das Suizidrisiko bei älteren Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch Alkoholabhängige haben eine Lebenszeit-Suizidsterblichkeit von 15 %. Anhaltende Arbeitslosigkeit erhöht das Suizidrisiko um das Vierfache (vgl. Dross 2001, S. 54).

Im Bereich der sozialen Beziehungen sind Isolation und Vereinsamung bei alten Menschen ein Hauptproblem. In verschiedenen Studien bei den über 65-jährigen Suizidversuchern gehörten neben der depressiven Symptomatik und verschiedenen körperlichen Leiden Isolation und Vereinsamung zu den Hauptfaktoren (vgl. Erlemeier 2001, S. 73). Unter den Personen mit Suizidversuchen und Suizid sind überproportional häufig Geschiedene, getrennt Lebende, Verwitwete und ledige Menschen zu finden.

Männer, die in hohem Alter ihre Lebenspartnerin verloren haben, haben ein weitaus höheres suizidales Risiko als verwitwete Frauen, da sie mit der Situation des Allein-Lebens nicht zurechtkommen. Dies schaffen alleinstehende Frauen im Allgemeinen besser. In der Gruppe der alten Frauen sind es mehr geschiedene Frauen als verwitwete Frauen. Bei den Suiziden überwiegen die Männer in fast allen Altersgruppen, während bei den Suizidversuchen die Rate der Frauen höher ist. Frauen wählen zudem oft Mittel, z.B. Medikamente, bei denen noch größere Rettungschancen bestehen (vgl. Erlemeier 2001).

Die Altersverteilung der Suizidraten steigt bei Männern und Frauen mit zunehmendem Alter an und hat seine höchsten Werte im hohen Alter. Die höchsten Suizidraten in der Bevölkerung sind bei Männern über 75 Jahren zu finden. Aufgrund einer umfassenden Studie kommt Erlemeier zu dem Schluss: „Die Suizidgefährdung alter Menschen mit tödlichem Ausgang ist weiterhin hoch einzuschätzen.“ (2001, S. 39)

Die suizidalen Krisen des Alters sind gesellschaftlich noch stark tabuisiert. Die Erforschung der Suizidmotive im Alter gibt Hinweise, was zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter verstärkt getan werden müsste. Zudem sind auch andere Formen von Kontakten, Freizeit- und Bildungsangeboten für Seniorinnen und Senioren als präventive Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter erforderlich.

Krisenintervention und psychotherapeutische Hilfe für ältere Menschen verlangt oft ein besonderes Maß an Einfühlung und Unterstützung, da sie von ihrer Umwelt oft wenig Unterstützung zur Restabilisierung ihres Selbstwertgefühls erfahren. Tiefenpsychologisch geht es in den Gesprächen darum, die bewussten und unbewussten Konfliktanteile zu erkennen und den Zusammenhang zwischen den kränkenden Krisenauslösern und den unbewussten Grundkonflikten herauszufinden (vgl. Henseler 1984).

Alter als Lebens- und Reifungschance
Alle Lebensübergänge sind Phasen besonderer Labilität. Verena Kast sagt dazu: „Sie sind mit Angst, Spannung und Selbstzweifeln verbunden. Konflikte, die habituell zu unserem Leben gehören, Schwierigkeiten, die wir schon immer hatten, werden reaktiviert […]. Es ist eine Phase, in der man verwundbar ist, die in sich aber die Chance birgt, alte Probleme noch einmal zu bearbeiten, sich noch einmal neu mit sich selbst und seinem Gewordensein auseinanderzusetzen.“ (2000, S. 30)

In der heutigen Entwicklungspsychologie des Alters stehen nicht mehr nur die Altersabbauprozesse, sondern Theorien zur lebenslangen Entwicklung im Mittelpunkt. Die Lebensmöglichkeiten und -qualitäten dieser langen Lebensphase werden heute zunehmend erforscht und erkannt. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen: Gut die Hälfte der heute über 90-Jährigen führt das eigene Leben noch weitgehend selbstständig und selbstbestimmt, 70 Prozent zeigen keine bedeutsamen Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeiten. Als eine Art Betrug empfindet daher die amerikanische Schriftstellerin und Feministin Betty Friedan den gesellschaftlich propagierten Mythos Alter. In ihrer 1993 erschienenen 990-seitigen Studie über das Alter kämpfte sie gegen die Altersdiskriminierung.

Betty Friedan sucht in ihrem Werk nach einem neuen Paradigma, das den sich verändernden Alterserfahrungen der heutigen Menschen ab 60 gerecht wird. Sie kritisiert das gerontologische Medizinsystem mit seinen überwiegend der Pathologie verhafteten Sichtweisen, die Alter fast ausschließlich als Verfall, Verlust und Abstieg zum Tod beschreiben. Und sie wirft die Frage auf: „Warum versuchen wir nicht zu erforschen, welche kontinuierlichen oder neuen gesellschaftlichen Rollen diese zusätzlichen Lebensjahre bieten, warum sehen wir diese Jahre nicht als eine neue Phase des persönlichen und spirituellen Wachstums?“ (Friedan 1997, S. 27) Sie fragt kritisch weiter: „Warum haben Gerontologen sich bisher nie ernsthaft mit den Fähigkeiten beschäftigt, die sich bei Frauen und Männern im höheren Alter entwickeln, und warum haben sie nicht darüber nachgedacht, wie diese sinnvoll eingesetzt werden könnten? […] Warum diese unausrottbare Angst vor dem Nachlassen der geistigen Kräfte und vor Gedächtnisverlust, wenn doch die Forschung zeigt, dass bei gesunden Menschen bis in die achtziger Jahre weder die geistige Kompetenz noch die Intelligenz nachlässt, wenn sie kontinuierlich aktiv bleiben?“ (Friedan 1997, S. 83ff.)

Was ist zu entdecken, wenn wir vitalen Frauen und Männern begegnen, die ihr Alter nicht verleugnen, sich auch nicht als Opfer fühlen, sondern lebensneugierig weiterwachsen, Menschen, die ihre Kräfte nicht in einem unsinnigen Anti-aging-Kampf verschwenden, sondern gelassen altern und reifen können?

Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung
Der Altersforscher Gene D. Cohen wendet sich vehement gegen das Klischee des Alterns als einen Verfallsprozess, der bestenfalls verlangsamt werden könne, aber doch unaufhaltsam zum körperlichen und geistigen Niedergang führe: „Manche der wertvollsten Dinge, die das Leben zu bieten hat, können sich überhaupt erst im reiferen Alter entwickeln, nicht nur Weisheit, sondern auch Fertigkeiten in Hunderten von verschiedenen Lebensbereichen, die jahrzehntelanges Lernen voraussetzen. Alt zu werden kann mit einer Fülle positiver Erfahrungen verbunden sein. ‚Gelingendes’ Altern bedeutet, dass wir das ungeheure Potenzial von innerem Wachstum, Liebe und Zufriedenheit, das in jedem Menschen steckt, nutzbar machen und zur Entfaltung bringen.“ (Cohen 2006, S. 1)

Der alte Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist falsch, denn zum einen ist der alte Hans nämlich durchaus lernfähig, zum anderen meistert er manche geistige Aufgaben besser, als Hänschen dies je gekonnt hätte. Cohen beschreibt eine besondere Form der Intelligenz, die er Entwicklungsintelligenz nennt. Er sieht darin eine besondere Stärke älterer Menschen und definiert sie so: Entwicklungsintelligenz ist das immer bessere Zusammenspiel von Denken, Urteilsvermögen, emotionaler Intelligenz, zwischenmenschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten, Lebenserfahrung und Bewusstsein und die Synergieeffekte zwischen diesen Faktoren. Es ist eine Form relativistischen Denkens, bei dem man nicht mehr vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, sondern den Wald und die Bäume wahrnehmen und die Gegensätze verbinden kann. Im Alter liegen für Cohen somit besondere geistige Potenziale.

Gestützt werden Cohens Thesen von Ergebnissen der neueren Hirnforschung:
 
  • Durch Lernvorgänge und Erfahrungen gestaltet sich das menschliche Hirn fortwährend um.
  • Es bilden sich durch das ganze Leben hindurch neue Hirnzellen.
  • Die emotionalen Verschaltungsmuster im Gehirn werden mit zunehmendem Alter komplexer.
  • Bei älteren Erwachsenen ist das Zusammenspiel der beiden Hirnhälften ausgewogener als bei jüngeren Menschen. Das erlaubt ganzheitlichere, ausgewogenere Reaktionen, ein weiseres Verhalten als in jüngeren Jahren.
  • Ein älteres gehirn hat mehr gelernt als ein jüngeres. Es kann daher vielschichtige Aspekte des Lebens besser erfassen.
  • Die komplexe neuronale Struktur des älteren Gehirns, die in Jahrzehnten von Erfahrung und Alltagsbewältigung besteht, ist eine grundlegende Stärke älterer Erwachsener, ihre Altersweisheit.
  • Anspruchsvolle geistige Tätigkeiten regen das Wachstum von Neuronen an, ebenso körperliche Bewegung. Und die bessere Vernetzung und Verschaltung kann die allmählich stattfindende Verlangsamung der Signalübertragung und den Verlust von Nervenzellen gewissermaßen wettmachen.
 
Individuation in der zweiten Lebenshälfte
Auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie war C. G. Jung einer der ersten, der die Entwicklungs- und Reifungsprozesse der zweiten Lebenshälfte erforschte und beschrieb und der von einem lebenszeitlichen Kontinuum ausging. Jung nannte diesen Prozess des lebenslangen „Werde der/die du bist“ Individuation. Es ist das Herzstück der Analytischen Psychologie. Dabei geht es um die Suche nach seelischer Ganzheit und Vollständigkeit, um einen lebenslangen Prozess der Selbstverwirklichung und fortschreitenden Entfaltung der Persönlichkeit als einen archetypisch bestimmten Differenzierungsvorgang in der Auseinandersetzung zwischen Ich und Selbst, Bewusstem und Unbewusstem.

C. G. Jung wurde in zahlreichen Interviews, die er als alter Mann zu geben hatte, immer wieder nach der ars vivendi, der Lebenskunst im Alter, befragt. Der Journalist Gordon Young fragte ihn anlässlich seines 85. Geburtstags, was er denn den Menschen nach Überschreiten der Grenze zur zweiten Lebenshälfte rate. Jungs Antwort: „Eine immer tiefer werdende Selbsterkenntnis ist, wie mir scheint, wohl unerlässlich für die Weiterführung eines wirklich sinnvollen Lebens im Alter, wie unbequem diese Selbsterkenntnis auch sein möge. Nichts ist lächerlicher oder unpassender als ältere Leute, die tun, als ob sie noch jung wären – sie verlieren sogar ihre Würde, das einzige Vorrecht des Alters. Die Ausschau muß zur Innenschau werden. In der Selbsterkenntnis wird einem alles das aufgedeckt, was man ist, zu was man bestimmt ist, und alles, wovon und wofür man lebt. Die Ganzheit unserer selbst ist mit Sicherheit ein rational nicht zu fassendes Etwas, aber gerade das sind wir ja, und das muß als eine einzigartige, sich nie wiederholende Erfahrung gelebt werden.“ (Jung 1986, S. 301/302)

Wo diese Ganzheit fehlt, wo Menschen keine Kohärenz, keinen Zusammenhang in ihrem Leben finden, sind sie oft demoralisiert, stumpfen ab und verkümmern im Alter. Was kann Individuation im Zeitalter der Postmoderne bedeuten? So wichtig und notwendig es ist, seine Ganzheit zu suchen, so richtig ist auch das Gegenteil: mit dem Unvollständigen, Unvollkommenen, Fragmentarischen des eigenen Lebens im Alter einverstanden sein zu können. Also einerseits nach Ganzheit zu streben und auf der anderen Seite zu lernen, unvollständig und fragmentarisch zu sein und sich selbst auch so annehmen zu können. Den Mut zu haben, das eigene Leben zu leben – unabhängig von der Frage, wie heil, vollständig, unvollständig, misslungen oder fragmentarisch es in Teilen ist.

Vielleicht besteht die Kunst des Alterns und der geistigen Gesundheit im Alter darin:
 
  • Sich selbst tiefer kennen und verstehen zu lernen und mit sich selbst ausgesöhnt und in Frieden zu sein.
  • Zu lernen, für sich selbst gut zu sorgen  uns die passenden Lebensformen zu finden.
  • In vielfältigen Formen von geistigem und anderem Austausch mit anderen zu bleiben.
  • Sich den spirituellen Grundfragen zu stellen und dem eigenen Leben Sinn und Bedeutung geben zu können.
  • Einverstanden zu sein mit den unterschiedlichen Erfahrungen des Alterns.
  • Sterben und Tod nicht aus dem Lebenszusammenhang auszublenden, sondern einzubeziehen.
  • Zu erkennen, dass das menschliche Leben eingebettet ist in größere transzendente Zusammenhänge.


Literatur:
Friedan, B. (1995): Mythos Alter. Rowohlt TB, Reinbek b. Hamburg.
Cohen, G. D (2006): Vital und kreativ. Geistige Fitness im Alter. Walter, Düsseldorf.
Böhme, K. / Lungershausen, E. (1988): Suizid und Depression im Alter. S. Roderer, Regensburg.
Erlemeier, N. (2001): Suizidalität und Suizidprävention im Alter. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bd. 212. Kohlhammer, Stuttgart.
Jung, C. G. (1986): C. G. Jung im Gespräch. Interviews, Reden, Begegnungen. Daimon, Zürich.
Dross, M. (2001): Krisenintervention. Hogrefe, Göttingen.
Kast, V. (2000): Lebenskrisen werden Lebenschancen. Herder, Freiburg.
Henseler, H. (1984): Narzißstische Krisen – Zur Psychodynamik des Selbstmords. 2. Aufl. Westdeutscher Verlag, Opladen.
Ringel, E. (1953): Der Selbstmord – Abschluß einer krankhaften psychischen Entwicklung. Maudrich, Wien.


Prof. Dr. Brigitte Dorst, Dipl.-Psych., Dozentin an der Fachhochschule Köln, Psycho-analytikerin (C. G. Jung) in eigener Praxis in Münster, 1. Vorsitzende der C. G. Jung- Gesellschaft Köln e.V.
 

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