Erscheinungsweise

 
zweimal jährlich,
im März und September

REDAKTION

 
Prof. Dr. Lutz Müller,
Anette Müller,
Bernd Leibig,
Margarete Leibig,
Dieter Volk

Layout und Korrektur:
 
Barbara Fischer,
Sabine Gottmann

BEIRATSMITGLIEDER

 
Dr. Irene Berkenbusch
(ISAP Zürich)
Dolores Henke
(CGJ-Forum Freiburg)
Esther Böhlcke
(CGJ-Gesellschaft Hannover)
Dr. Renate Daniel
(CGJ-Institut Küsnacht)
Christiane Neuen
(CGJ-Gesellschaft Köln)
Ursula Arlart
(CGJ-Gesellschaft Ulm)
Susanne Lindtberg
(Psychologische Gesellschaft Basel
Volker Münch
(CGJ-Gesellschaft München)
Dieter Schnocks
(CGJ-Gesellschaft Stuttgart)
Dr. Andreas Schweizer
(Psychologischer Club Zürich)
Dörte Wrede
(CGJ-Gesellschaft Hamburg)

Verlag Opus Magnum


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opus-magnum® veröffentlicht digitale Dokumente aus allen Bereichen der Wissenschaft, Kunst und Religion, die sich einer Förderung der Huma­nität, der Individuation, der Lebenskultur und der schöpfe­rischen Lebensgestaltung verpflichtet fühlen.
Heft-Nr. 24: Was für ein Glück! Drucken E-Mail
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Heft Nr. 24  •  August 2010

Schwerpunkt:
Was für ein Glück!

Leseprobe:

Liebe Leserinnen und Leser,

Im Bereich Psychologie und Psychotherapie bahnt sich in den letzten Jahrzehnten eine Wende an, die, mit wenigen Ausnahmen, von den klassischen tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Richtungen kaum wahr oder gar ernst genommen wird. Es handelt sich um die Wende von einem eher psychopathologischen, medizinischen Menschenbild hin zu einer Perspektive, die mehr die gesunden und schöpferischen Potenziale des Einzelnen berücksichtigt. Zwar ging es auch in der traditionellen Psychoanalyse schon immer um eine Befreiung von gesellschafts- und kulturbedingten Lust- und Triebeinschränkungen, auch hier schon ging es um Liebes-, Arbeits- und Genussfähigkeit. Aber der Weg dorthin führte primär über das Durcharbeiten traumatischer Erfahrungen, Pathologien, Defizite, Konflikte und Komplexe.

Die Hauptorientierung des Therapeuten bestand in der Frage: Was ist das unbewusste Problem? Welcher Konflikt liegt vor? Wo sind infantile, unreife Persönlichkeitsanteile? Wie sind die frühen prägenden Kindheitserfahrungen, die familiären Beziehungsmuster gewesen? Den therapeutischen Heil- und Wirkfaktor sah man vor allem darin, eben jene ursächlichen unbewussten Zusammenhänge herauszufinden, zu klären, durchzuarbeiten und damit erweiterte Erlebens- und Handlungsspielräume
zu gewinnen.

Verständlicherweise waren bei einer solchen primär defizit- und konfliktorientierten Sichtweise die positiven Emotionen und Erlebensdimensionen wie Freude, Humor, Glück, Liebe, Schönheit, Güte, Dankbarkeit, Akzeptanz, Gelassenheit, Vergebungsbereitschaft, Freundlichkeit, Weisheit, Optimismus, Kreativität, Lust oder gar Ekstase kaum Gegenstand therapeutischer Fokussierung und Zielsetzung. Sie wurden bestenfalls als Begleitergebnis eines langen Prozesses der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten angesehen.

Symptomatisch für die Verdrängung der genannten positiven Aspekte ist, dass in den klassischen tiefenpsychologischen Werken solche Begriffe in den Sachverzeichnissen kaum zu finden sind. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts besannen sich Psychologen und Therapeuten verstärkt auf die positiven Emotionen und Erlebensformen als mögliche heilsame Ressourcen.

Die Humanistische Psychologie, die insbesondere mit den Namen Maslow, Pearls und Rogers verbunden ist, das von Antonovsky seit den 1970er Jahren begründete Salutogenese- Konzept, die ebenfalls etwa zur gleichen Zeit sich entwickelnde Glücksforschung und die akademische „Positive Psychologie" versuchten, die klassischen defizitorientierten Menschenbilder und Behandlungskonzepte durch Modelle und Methoden zu ergänzen, die die besonderen Begabungen und Potenziale eines Menschen berücksichtigen und ihm dabei helfen, sein Leben freudvoller und lebenswerter zu machen.

Als ein früher Pionier einer solchen neuen Sichtweise kann auch C. G. Jung angesehen werden. Er wies immer auf die schöpferische, konstruktive, finale Dynamik der Psyche hin und sah sogar in der Neurose einen heilsamen, auf die Ganzheit des Menschen hinzielenden Sinn.

„Irgendein psychologischer Tatbestand lässt sich niemals erschöpfend aus seiner Kausalität allein erklären, indem er als lebendiges Phänomen immer in die Kontinuität des Lebensprozesses unauflöslich verknüpft ist, so dass er zwar einerseits stets ein Gewordenes, andererseits aber auch stets ein Werdendes, Schöpferisches ist." (Jung, zit. n. Jacobi, Mensch und Seele, 1971, S. 39)

„Der Mensch ist nur halb verstanden, wenn man weiß, woraus alles bei ihm entstanden ist. [...] Das Leben hat auch ein Morgen, und das Heute ist nur dann verstanden, wenn wir zu unserer Kenntnis dessen, was gestern war, noch die Ansätze des Morgen hinzufügen können. Das gilt von allen psychologischen Lebensäußerungen, selbst von den krankhaften Symptomen. (Jung, zit. n. Jacobi, ebd. S. 305)

Auch unter ressourcenorientierter Perspektive lassen sich viele Aspekte der Analytischen Psychologie als zukunftsweisend ansehen, denken wir an die bereits angesprochene final-prospektive Sichtweise, an die Selbstregulation, an die vielen spielerisch-kreativen Methoden. Dennoch gibt es nur sehr wenige positive Äußerungen zum Glücksbegriff oder zur Freude bei Jung.

In einem Interview antwortete Jung auf die Frage, was nach seiner Ansicht die Voraussetzungen zum Glücklichsein sind:

„1. Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.

2. Gute persönliche, nahe Beziehungen wie z. B. in der Ehe, in der Familie, und in Freundschaften.

3. Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst und der Natur wahrzunehmen.

4. Angemessene Lebensbedingungen und eine befriedigende Arbeit.

5. Eine philosophische oder religiöse Weltanschauung, die einem helfen kann, mit den Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich zu Rande zu kommen." (Jung, Gespräche mit C. G. Jung, 1986, S. 313)

Damit benennt Jung durchaus einige der grundlegenden Faktoren, die auch von modernen Glücksforschern als zentral bezeichnet werden. Er ist aber sehr zurückhaltend, was ein aktives Anstreben und dauerhafteres Erreichen von Glückszuständen angeht und betont, dass Leiden und Glück ein dem Leben notwendiges Gegensatzpaar sind.

„Selbstverständlich kann es ohne Leiden kein Glück geben. Der deutsche Philosoph Schopenhauer sagte, Glück sei nur das Ende des Leidens. Das ist eine etwas negative Definition. Insofern Leiden ein sehr realer Zustand ist, muß Glück ebenso real sein. Aber bedauerlicherweise können die beiden nicht ohne einander bestehen. Sie sind so eng verbunden, daß Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt intensivstes Leiden eine Art übermenschlichen Glücksgefühls hervorrufen kann. Sie bilden ein dem Leben unerlässliches Gegensatzpaar." (Jung, Briefe 1, S. 313)

„Alle Faktoren, die man gemeinhin als glückbringend betrachtet, können unter bestimmten Umständen das Gegenteil hervorbringen. Selbst die idealsten Voraussetzungen sind keine Garantie für das Glück. Eine vergleichsweise kleine Störung im biologischen oder seelischen Gleichgewicht kann genügen, um das Glück zu zerstören. Weder eine gute Gesundheit, noch günstige finanzielle Verhältnisse, noch ungetrübte Familienverhältnisse können einen z. B. vor unsäglicher Langeweile bewahren - vor einer Langeweile, bei der sogar eine Veränderung der Verhältnisse, durch eine nicht zu schlimme Krankheit ausgelöst, eine willkommene Abwechslung wäre." (Jung, Gespräche mit C. G. Jung, 1986, S. 314 f)

Diese polare Sichtweise von Glück und Unglück hat aber dennoch dem Glückserleben in Jungs Werk nur wenig Raum eingeräumt, wenn man davon absieht, dass die Individuation für ihn das höchste Glück darstellt (vgl. Zitat S. 8) Unter den deutschsprachigen Autoren der Analytischen Psychologie sind es insbesondere Verena Kast (z. B. Freude, Inspiration, Hoffnung, 1991), Lutz Müller (z. B. Trotzdem ist die Welt ein Rosengarten, 1996, 2010) und Riedel (z. B. Geschmack am Leben finden, 2004), die in ihren Büchern immer wieder auch die positiven Aspekte des Lebens in den Mittelpunkt stellen. Verena Kast hat beispielweise empfohlen, neben der üblichen Krankheitsanamnese auch eine Glücks- und Freudenanamnese zu erheben und diesbezüglichen Tabuisierungen und Hemmungen therapeutisch aufzuarbeiten.

Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die Analytische Psychologie im Hinblick auf den bewussten Einbezug von Glücks- und Wohlfühlfaktoren in ihr Persönlichkeits- und Behandlungskonzept noch einigen Nachholbedarf hat. Dabei sind wir überzeugt, dass dies rasch und mühelos gelingen kann, weil die Grundausrichtung der Analytischen Psychologie schon immer ganzheitlich, kreativ, final-prospektiv orientiert ist.

Wir würden uns freuen, wenn es den Autoren dieses Heftes gelingen würde, auch in Ihnen Hoffnung und Begeisterung dafür zu wecken, dass Dankbarkeit, Freiheit, Liebe, Freude, Glück, Humor und schöpferisches Leben Werte sind, für die es sich lohnt, zu leben.

Ihre
Anette und Lutz Müller
Für das Redaktionsteam

die vielen spielerisch-kreativen Methoden. Dennoch
gibt es nur sehr wenige positive Äußerungen
zum Glücksbegriff oder zur Freude bei
Jung.
In einem Interview antwortete Jung auf die
Frage, was nach seiner Ansicht die Voraussetzungen
zum Glücklichsein sind:
„1. Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.
2. Gute persönliche, nahe Beziehungen wie
z. B. in der Ehe, in der Familie, und in Freundschaften.
3. Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst
und der Natur wahrzunehmen.
4. Angemessene Lebensbedingungen und
eine befriedigende Arbeit.
5. Eine philosophische oder religiöse Weltanschauung,
die einem helfen kann, mit den
Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich zu
Rande zu kommen.“ (Jung, Gespräche mit
C. G. Jung, 1986, S. 313)
Damit benennt Jung durchaus einige der
grundlegenden Faktoren, die auch von modernen
Glücksforschern als zentral bezeichnet
werden. Er ist aber sehr zurückhaltend, was
ein aktives Anstreben und dauerhafteres Erreichen
von Glückszuständen angeht und betont,
dass Leiden und Glück ein dem Leben notwendiges
Gegensatzpaar sind.
„Selbstverständlich kann es ohne Leiden kein
Glück geben. Der deutsche Philosoph Schopenhauer
sagte, Glück sei nur das Ende des
Leidens. Das ist eine etwas negative Definition.
Insofern Leiden ein sehr realer Zustand ist,
muß Glück ebenso real sein. Aber bedauerlicherweise
können die beiden nicht ohne einander
bestehen. Sie sind so eng verbunden,
daß Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt
intensivstes Leiden eine Art übermenschlichen
Glücksgefühls hervorrufen kann.
Sie bilden ein dem Leben unerlässliches Gegensatzpaar.“
(Jung, Briefe 1, S. 313)
„Alle Faktoren, die man gemeinhin als glückbringend
betrachtet, können unter bestimmten
Umständen das Gegenteil hervorbringen.
Selbst die idealsten Voraussetzungen sind
keine Garantie für das Glück. Eine vergleichsweise
kleine Störung im biologischen oder seelischen
Gleichgewicht kann genügen, um das
Glück zu zerstören. Weder eine gute Gesundheit,
noch günstige finanzielle Verhältnisse,
noch ungetrübte Familienverhältnisse können
einen z. B. vor unsäglicher Langeweile bewahren
- vor einer Langeweile, bei der sogar eine
Veränderung der Verhältnisse, durch eine nicht
zu schlimme Krankheit ausgelöst, eine willkommene
Abwechslung wäre.“ (Jung, Gespräche
mit C. G. Jung, 1986, S. 314 f)
Diese polare Sichtweise von Glück und Unglück
hat aber dennoch dem Glückserleben in
Jungs Werk nur wenig Raum eingeräumt, wenn
man davon absieht, dass die Individuation für
ihn das höchste Glück darstellt (vgl. Zitat S. 8)
Unter den deutschsprachigen Autoren der
Analytischen Psychologie sind es insbesondere
Verena Kast (z. B. Freude, Inspiration,
Hoffnung, 1991), Lutz Müller (z. B. Trotzdem ist
die Welt ein Rosengarten, 1996, 2010) und Riedel
(z. B. Geschmack am Leben finden, 2004),
die in ihren Büchern immer wieder auch die
positiven Aspekte des Lebens in den Mittelpunkt
stellen. Verena Kast hat beispielweise
empfohlen, neben der üblichen Krankheitsanamnese
auch eine Glücks- und Freudenanamnese
zu erheben und diesbezüglichen Tabuisierungen
und Hemmungen therapeutisch
aufzuarbeiten.
Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die
Analytische Psychologie im Hinblick auf den
bewussten Einbezug von Glücks- und Wohlfühlfaktoren
in ihr Persönlichkeits- und Behandlungskonzept
noch einigen Nachholbedarf
hat. Dabei sind wir überzeugt, dass dies
rasch und mühelos gelingen kann, weil die
Grundausrichtung der Analytischen Psychologie
schon immer ganzheitlich, kreativ, final-prospektiv
orientiert ist.
Wir würden uns freuen, wenn es den Autoren
dieses Heftes gelingen würde, auch in Ihnen
Hoffnung und Begeisterung dafür zu wecken,
dass Dankbarkeit, Freiheit, Liebe, Freude,
Glück, Humor und schöpferisches Leben Werte
sind, für die es sich lohnt, zu leben.
Ihre Anette und Lutz Müller
 

INHALTSÜBERSICHT


  • EDITORIAL
    SCHWERPUNKT:

    WAS FÜR EIN GLÜCK!
    (Leseprobe s. u.)
  • Wilhelm Schmid
    Glück für alle – doch welches Glück?
  • Ingrid Riedel
    Glücksmomente
    Vom Auskosten des Lebens
  • Anton A. Bucher
    Glück, eine Sehnsucht, die nicht altert
    Bausteine der Glückspsychologie
  • Dirk Revenstorf
    Macht Therapie glücklich?
  • Hildegunde Wöller
    Spuren des Glücks in der Bibel
  • Lama Dawa Tarchin Phillips
    Das Glück findet sich nicht mit dem Willen
    Glück und Freude aus buddhistischer Sicht
  • Luise Reddemann
    Glücklicher mit Johann Sebastian Bach!
  • Diethild Laitenberger
    Die Goldkinder. Verarmung – Entwicklung – Glück
  • Sigrid Voss
    Vom gebrochenen Glück
  • Esther Böhlcke/
    Glücksritter, Spieler und Paradiessehnsüchte

    FÜR SIE GESEHEN
  • Dieter Volk
    Ein perfekter Platz („Fauteuils d’orchestre“) –
    Immer in der ersten Reihe?
  • Bernd Leibig
    Vom Glück des Schornsteinfegers
    (Glosse)


    BERICHTE
  • Gerhard Walch
    Erich Neumann,
    50 Jahre nach seinem Tod

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Aktuelles Heft

Heft Nr. 38 • September 2017
Hinweis für den Buchhandel (Libri): Jung Journal 38 • Forum für Analytische Psychologie und Lebenskultur • (Broschiert) •
von Prof. Dr. Lutz Müller (Herausgeber) • ISBN: 978-3-939322-38-2

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