Erscheinungsweise

 
zweimal jährlich,
im März und September

REDAKTION

 
Prof. Dr. Lutz Müller,
Anette Müller,
Bernd Leibig,
Margarete Leibig,
Dieter Volk

Layout und Korrektur:
 
Barbara Fischer,
Sabine Gottmann

BEIRATSMITGLIEDER

 
Dr. Irene Berkenbusch
(ISAP Zürich)
Dolores Henke
(CGJ-Forum Freiburg)
Esther Böhlcke
(CGJ-Gesellschaft Hannover)
Dr. Renate Daniel
(CGJ-Institut Küsnacht)
Christiane Neuen
(CGJ-Gesellschaft Köln)
Ursula Arlart
(CGJ-Gesellschaft Ulm)
Susanne Lindtberg
(Psychologische Gesellschaft Basel
Volker Münch
(CGJ-Gesellschaft München)
Dieter Schnocks
(CGJ-Gesellschaft Stuttgart)
Dr. Andreas Schweizer
(Psychologischer Club Zürich)
Dörte Wrede
(CGJ-Gesellschaft Hamburg)

Verlag Opus Magnum


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opus-magnum® veröffentlicht digitale Dokumente aus allen Bereichen der Wissenschaft, Kunst und Religion, die sich einer Förderung der Huma­nität, der Individuation, der Lebenskultur und der schöpfe­rischen Lebensgestaltung verpflichtet fühlen.
Heft-Nr. 25: Geheimnis Nacht Drucken E-Mail
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Heft Nr. 25  •  Februar 2011

Schwerpunkt:
Geheimnis Nacht

Leseprobe:

Liebe Leserinnen und Leser,

für den Menschen steht hinter der Angst vor der Dunkelheit, der Nacht und dem Schlafen oft die Angst vor dem Unbewusstwerden des Bewusstseins, die Angst vor der damit verbundenen Hilflosigkeit, dem Kontrollverlust, die Angst vor Hingabe an das Unbekannte unserer Seele.

Wenn wir uns zurückversetzen in die Situation des ganz frühen Menschen, vielleicht sogar noch vor der Entdeckung des Feuers, dann wird leicht verständlich, weshalb die Nacht natürlicherweise bedrohlich und unheimlich erlebt wurde. Unsere wichtigsten Orientierungshilfen, das Licht und die Augen, können nicht mehr verwendet werden, die gemeinsamen Aktivitäten und Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen Menschen werden eingeschränkt, die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf einen selbst, auf die eigenen Befindlichkeiten, gleichzeitig werden wir müde und können uns von den sich nun verstärkenden Fantasien, Sorgen, Befürchtungen nicht mehr so gut ablenken.

Wir alle kennen aus unserer Kindheit die Übergangsrituale, die wir brauchten, um die Schwelle zu diesem Unbewusstwerden überschreiten zu können: die beruhigende Stimme oder atmende Nähe eines anderen Menschen.Wir alle kennen den angstvollen Ruf nach Licht, wenn wir aus dem Schlaf erwachten und die Schwärze der Nacht oder die dunkle Tiefe des Raums uns zu verschlingen drohte.Wie tröstlich konnten dann Lebenszeichen sein, die wir von außen wahrnahmen: ein vorüberfahrendes Auto, die Stimme der Eltern aus einem anderen Raum oder ein Lichtstrahl, der von irgendwo in die Dunkelheit hineinfiel.

Die seelische Unterwelt des Unbewussten mit ihren Abgründen, Schrecken, ihren "Göttern", "Geistern" und "Dämonen" beginnt in der Nacht besonders rege zu werden. Das Eintauchen in die geheimnisvolle, fantastische, aber auch ängstigende Welt der Träume, in der man meist viel mehr Opfer der Geschehnisse als ein bewusst Handelnder ist, ist sicherlich für viele Menschen ambivalent gewesen.

Es hat aber wohl auch schon immer eine Reihe von Menschen gegeben, die sich ihr besonders gerne hingegeben haben: die mehr introvertierten schöpferischen Menschen, die "Träumer, Fantasten und Visionäre", die psychischen Grenzgänger, Schamanen, Propheten, Mystiker, Romantiker. Denn in der Nacht konnten auch "Jenseitsreisen" unternommen, konnten viele unbekannte Welten erfahren und konnte Kontakt mit Verstorbenen, fremden Wesen und Menschen aufgenommen werden. Man besaß erstaunliche Fähigkeiten, konnte fliegen und erotische Erfahrungen mit Traumpartnern machen. Die Erfahrung dieser Welt der unbewussten Seelentätigkeit wie auch deren Abwehr ist sicher eine ganz wesentliche Ursache aller Religionen gewesen.

Bei diesen geheimnisvollen Vorgängen der Nacht mag dem frühen Menschen der Schein der Sterne bei klarem Himmel oder der Mondschein immer schon tröstlich gewesen sein. In seinem fahlen, kühlen Licht konnte man sich wenigstens einen gewissen Überblick über die äußeren und inneren Vorgänge verschaffen. Es vermittelte einem ein etwas angstfreieres, vielleicht sogar meditatives Eintauchen in die Welt der psychischen Fantasien und Bilder, in die Vorgänge des Unbewussten mit seinen eigentümlichen Symbolen, Stimmungen und Launen (das deutsche Wort Laune hängt mit dem lateinischen Wort für den Mond "luna" zusammen), weil ein gewisses Maß an Distanz und Orientierung aufrechterhalten werden konnte.

Im Licht des Mondes wird uns ein teilweises Auf- und Hingeben des Ich-Bewusstseins an die Nachtseite und mystische Tiefendimension der Seele möglich. Wir können besser nach innen gehen, weil wir nicht ganz von der Schwärze der Nacht verschluckt werden. Wir werden offen, ansprechbar, empfänglich für das, was dort keimt, wächst und geboren werden will. Dieses Eintauchen in die mondhaften "Wasser" des Unbewussten wird besonders auch von liebenden Menschen ersehnt - man denke an das romantische Symbolbild vom Rendezvous des verliebten Paares im Mondenschein -, weil es ihnen ihre tiefe Sehnsucht nach Rückkehr in die Einheit, nach Verschmelzung und Vereinigung stillt.

Dieser Sachverhalt und auch die schon früh beobachtete Übereinstimmung des weiblichen Menstruations- Zyklus mit dem Mond-Zyklus ließen den Mond (oder eigentlich besser: die Mondin) zum Symbol der Großen Mutter und der Gottheit des schöpferischen Lebens, der Vegetation, des Wachsens, Werdens und Vergehens, der Fruchtbarkeit, der Fortpflanzung, der Schwangerschaft und Geburt, aber auch des Todes werden. Gerade die abnehmende und dunkle Schwarz-Mond- Phase, in der der Mensch von allem Licht verlassen und der Dunkelheit unbarmherzig ausgeliefert ist, wenn nicht wenigstens noch die gütigen anderen Sterne am Himmel ein bisschen Hoffnung schenken, wurde ihm auch zu einer Zeit des Schreckens, desWahns, des Sterbens und des Todes. Mitternacht, die dunkelste Zeit des Tages, war deshalb auch die Zeit der Geister, der schwarzen Magie, des bösen Zaubers, der Hexen- und Teufelskulte.

Die Dunkelheit, die wir häufig mit dem Nichts, der Auslöschung, dem Tod verbinden, erscheint aber vor allem unserem Ich-Bewusstsein so gefährlich. Das meiste nämlich an lebenswichtigen und lebensförderlichen Vorgängen geschieht in der Dunkelheit des Unbewussten: Empfängnis, Schwangerschaft wie auch alle anderen Körpervorgänge verlaufen im Dunklen. Selbst das Gehirn befindet sich im dunklen Kopf, in den nie ein Lichtstrahl hineinfällt und wenn, dann bedeutet es meist nichts Gutes.

Wenn wir den neuesten Ergebnissen der Hirnforschung wie auch der Evolutionsbiologie und Evolutionspsychologie Glauben schenken wollen, dann müssen wir sehen, dass unser Bewusstsein nicht freischwebend vom Himmel herab kam, sondern vielmehr ein letztes Produkt jener Intelligenz, dem "lumen naturae", dem Licht der Natur, wie Paracelsus es nannte, ist, die in der Natur und im Körperlichen seit Jahrmillionen von Jahren wirkt und den evolutionären Prozess vorangetrieben hat. Der bewusste Geist kommt also nicht aus fernen Sphären "von oben", viel eher von unten, wenn man diese räumlichen Kategorien verwenden will.

Damit wird aber eine vollständige Umwertung des "Unteren", des Unbewussten notwendig. Das Unbewusste enthält in sich das Vor-Wissen der gesamten Evolution, wenn auch nicht in einer bewussten, sondern eher in einer instinktiven Weise und gebiert aus sich heraus das Bewusstsein. Mit Hilfe des Bewusstseins wird die schon immer vorhandene Weisheit des Unbewussten uns allmählich zugänglich. Ohne das Ich-Bewusstsein, dieses bisher letzte und vielleicht großartigste Wunder der Evolution, in seiner Bedeutsamkeit schmälern zu wollen, müssen wir uns klarmachen, dass wir in jedem Augenblick unseres Lebens zum allergrößten Teil von unbewussten Abläufen bestimmt werden, selbst da, wo sie uns bewusst werden. Auch unsere bewussten Gedanken, Gefühle und Entscheidungen rufen wir nur sehr selten absichtlich gesteuert hervor, sondern sie entstehen in uns durch vorauslaufende unbewusste Entscheidungsprozesse. Unsere Person wird in ihrem Sein und Verhalten nicht durch das Ich-Bewusstsein bestimmt, sondern es scheint umgekehrt zu sein.

Das „dunkle” Unbewusste ist unser eigentliches, aber unbekanntes Wesen. Ein überaus großer Teil unserer Existenz spielt sich also in gewisser Hinsicht vollständig im absolut Dunklen ab und wir tun gut daran, unsere Einstellung zu dieser Tatsache neu zu überdenken. „In Wirklichkeit ist die Psyche die Mutter, das Subjekt und sogar die Möglichkeit des Bewusstseins selbst. Sie reicht so weit über die Grenzen des Bewusstseins hinaus, dass dieses leicht mit einer Insel im Ozean verglichen werden kann. Während die Insel klein und eng ist, ist der Ozean unendlich weit und tief und enthält ein Leben, welches dasjenige der Insel an Art und Umfang in jeglicher Hinsicht überragt.” (Jung, GW 11, § 1 1)

So wünschen wir Ihnen viele gute Nächte und Traumerfahrungen im Vertrauen auf die regenerierenden und schöpferischen Kräfte Ihrer Psyche.

Ihre
Anette und Lutz Müller
Für das Redaktionsteam

die vielen spielerisch-kreativen Methoden. Dennoch
gibt es nur sehr wenige positive Äußerungen
zum Glücksbegriff oder zur Freude bei
Jung.
In einem Interview antwortete Jung auf die
Frage, was nach seiner Ansicht die Voraussetzungen
zum Glücklichsein sind:
„1. Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.
2. Gute persönliche, nahe Beziehungen wie
z. B. in der Ehe, in der Familie, und in Freundschaften.
3. Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst
und der Natur wahrzunehmen.
4. Angemessene Lebensbedingungen und
eine befriedigende Arbeit.
5. Eine philosophische oder religiöse Weltanschauung,
die einem helfen kann, mit den
Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich zu
Rande zu kommen.“ (Jung, Gespräche mit
C. G. Jung, 1986, S. 313)
Damit benennt Jung durchaus einige der
grundlegenden Faktoren, die auch von modernen
Glücksforschern als zentral bezeichnet
werden. Er ist aber sehr zurückhaltend, was
ein aktives Anstreben und dauerhafteres Erreichen
von Glückszuständen angeht und betont,
dass Leiden und Glück ein dem Leben notwendiges
Gegensatzpaar sind.
„Selbstverständlich kann es ohne Leiden kein
Glück geben. Der deutsche Philosoph Schopenhauer
sagte, Glück sei nur das Ende des
Leidens. Das ist eine etwas negative Definition.
Insofern Leiden ein sehr realer Zustand ist,
muß Glück ebenso real sein. Aber bedauerlicherweise
können die beiden nicht ohne einander
bestehen. Sie sind so eng verbunden,
daß Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt
intensivstes Leiden eine Art übermenschlichen
Glücksgefühls hervorrufen kann.
Sie bilden ein dem Leben unerlässliches Gegensatzpaar.“
(Jung, Briefe 1, S. 313)
„Alle Faktoren, die man gemeinhin als glückbringend
betrachtet, können unter bestimmten
Umständen das Gegenteil hervorbringen.
Selbst die idealsten Voraussetzungen sind
keine Garantie für das Glück. Eine vergleichsweise
kleine Störung im biologischen oder seelischen
Gleichgewicht kann genügen, um das
Glück zu zerstören. Weder eine gute Gesundheit,
noch günstige finanzielle Verhältnisse,
noch ungetrübte Familienverhältnisse können
einen z. B. vor unsäglicher Langeweile bewahren
- vor einer Langeweile, bei der sogar eine
Veränderung der Verhältnisse, durch eine nicht
zu schlimme Krankheit ausgelöst, eine willkommene
Abwechslung wäre.“ (Jung, Gespräche
mit C. G. Jung, 1986, S. 314 f)
Diese polare Sichtweise von Glück und Unglück
hat aber dennoch dem Glückserleben in
Jungs Werk nur wenig Raum eingeräumt, wenn
man davon absieht, dass die Individuation für
ihn das höchste Glück darstellt (vgl. Zitat S. 8)
Unter den deutschsprachigen Autoren der
Analytischen Psychologie sind es insbesondere
Verena Kast (z. B. Freude, Inspiration,
Hoffnung, 1991), Lutz Müller (z. B. Trotzdem ist
die Welt ein Rosengarten, 1996, 2010) und Riedel
(z. B. Geschmack am Leben finden, 2004),
die in ihren Büchern immer wieder auch die
positiven Aspekte des Lebens in den Mittelpunkt
stellen. Verena Kast hat beispielweise
empfohlen, neben der üblichen Krankheitsanamnese
auch eine Glücks- und Freudenanamnese
zu erheben und diesbezüglichen Tabuisierungen
und Hemmungen therapeutisch
aufzuarbeiten.
Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die
Analytische Psychologie im Hinblick auf den
bewussten Einbezug von Glücks- und Wohlfühlfaktoren
in ihr Persönlichkeits- und Behandlungskonzept
noch einigen Nachholbedarf
hat. Dabei sind wir überzeugt, dass dies
rasch und mühelos gelingen kann, weil die
Grundausrichtung der Analytischen Psychologie
schon immer ganzheitlich, kreativ, final-prospektiv
orientiert ist.
Wir würden uns freuen, wenn es den Autoren
dieses Heftes gelingen würde, auch in Ihnen
Hoffnung und Begeisterung dafür zu wecken,
dass Dankbarkeit, Freiheit, Liebe, Freude,
Glück, Humor und schöpferisches Leben Werte
sind, für die es sich lohnt, zu leben.
Ihre Anette und Lutz Müller
 

INHALTSÜBERSICHT


  • EDITORIAL
    SCHWERPUNKT:

    GEHEIMNIS NACHT
    (Leseprobe s. u.)
  • Klaus-Uwe Adam
    Die Symbolik von Nacht und Dunkelheit
  • Wolfram Frietsch
    Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen
  • Rosmarie Daniel
    Nachtmeerfahrt – Reise in die Abgründe der Seele
  • Wolfgang Kleespies
    Depression – Suche nach Sinn
  • Verena Kast
    Neid – ein Gefühl im Schatten
  • Christiane Lutz
    Angst – der Blick ins Dunkel
  • Brigitte Dorst
    Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall
    Symbole des Trostes und der Hoffnung in Krisenzeiten
  • Reinhard Körner
    Die Dunkle Nacht in der Mystik des Johannes vom Kreuz
  • Katharina Sommer
    Schattenwesen – Nachtgestalten
    Ungelebtes Leben im Maskenspiel lebendig werden lassen
  • Jörg Rasche
    Nachtmusik – Die Nocturnes des Frédéric Chopin
  • Monika Rafalski
    Nacht – die Tageszeit der Romantik

    FÜR SIE GESEHEN
  • Dieter Volk
    Rififi – ein Klassiker des „Film noir“
  • Bernd Leibig
    Nykturie – die Nachtwanderung
    (Glosse)


    BERICHTE
  • Volker Münch
    Angesichts der Vielfalt
    Tagung der Internationalen Vereinigung
    für Analytische Psychologie in Montreal

AKTUELLE AUSGABE


Aktuelles Heft

Heft Nr. 38 • September 2017
Hinweis für den Buchhandel (Libri): Jung Journal 38 • Forum für Analytische Psychologie und Lebenskultur • (Broschiert) •
von Prof. Dr. Lutz Müller (Herausgeber) • ISBN: 978-3-939322-38-2

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