Erscheinungsweise

 
zweimal jährlich,
im März und September

REDAKTION

 
Prof. Dr. Lutz Müller,
Anette Müller,
Bernd Leibig,
Margarete Leibig,
Dieter Volk

Layout und Korrektur:
 
Barbara Fischer,
Sabine Gottmann

BEIRATSMITGLIEDER

 
Dr. Irene Berkenbusch
(ISAP Zürich)
Dolores Henke
(CGJ-Forum Freiburg)
Esther Böhlcke
(CGJ-Gesellschaft Hannover)
Dr. Renate Daniel
(CGJ-Institut Küsnacht)
Christiane Neuen
(CGJ-Gesellschaft Köln)
Ursula Arlart
(CGJ-Gesellschaft Ulm)
Susanne Lindtberg
(Psychologische Gesellschaft Basel
Volker Münch
(CGJ-Gesellschaft München)
Dieter Schnocks
(CGJ-Gesellschaft Stuttgart)
Dr. Andreas Schweizer
(Psychologischer Club Zürich)
Dörte Wrede
(CGJ-Gesellschaft Hamburg)

Verlag Opus Magnum


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opus-magnum® veröffentlicht digitale Dokumente aus allen Bereichen der Wissenschaft, Kunst und Religion, die sich einer Förderung der Huma­nität, der Individuation, der Lebenskultur und der schöpfe­rischen Lebensgestaltung verpflichtet fühlen.
Heft-Nr. 27: Weisheit Drucken E-Mail
Heft 27 gross

Heft Nr. 27  •  Februar 2012

Schwerpunkt:
Weisheit

Leseprobe:
Wage weise zu sein!
(Horaz)
Liebe Leserinnen und Leser,

mit Weisheit verbinden wir meist ein tieferes Verständnis des Lebens und der Menschen, wir denken an Erfahrung, Reife, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Gelassenheit, Toleranz, Mitgefühl, Freundlichkeit, Güte, Humor, vielleicht auch an ein „tieferes, geheimes Wissen", an einen besonderen Zugang zu verborgenen, symbolischen und magischen Wirklichkeiten.

Es fällt allerdings auf, dass Menschen, denen man vielleicht einige dieser doch recht anstrebenswerten Eigenschaften zuschreiben würde, schnell abwinken, wenn sie darauf angesprochen werden und sich beeilen, ihre Unwürdigkeit und Unwissenheit, manchmal auch ihre Torheit und Mangelhaftigkeit hervorzuheben.

Bei Konfuzius heißt es: „Die Alten sparten sich ihre Worte, denn sie wollten in ihrem Verhalten nicht hinter ihren Worten zurückbleiben." Und in seinen Erinnerungen schreibt Jung: „Wenn man sagt, ich sei weise oder ein «Wissender», so kann ich das nicht akzeptieren. Es hat einmal Einer einen Hut voll Wasser aus einem Strom geschöpft. Was bedeutet das schon? Ich bin nicht dieser Strom. Ich bin an dem Strom, aber ich mache nichts." (Jung/ Jaffé, 1962, S. 357)

So scheint gerade dies für das Wesen von Weisheit kennzeichnend zu sein: Demut, Bescheidenheit, Einsicht in die eigenen Fehler und Schwächen, in das eigene Nicht-Wissen. Vielleicht ist es ja gerade diese Bescheidenheit, vielleicht auch der Verdacht der Inflation und Selbstüberschätzung, in den man geraten kann, wenn man es wagt, über Weisheit zu schreiben, welche es im Rahmen der Analytischen Psychologie schwer machen, sich ausführlich und positiv über Weisheit zu äußern.

Zwar wird der Archetyp des Alten Weisen oder der Alten Weisen gelegentlich als ein Aspekt des Selbst und der Individuation genannt, man weiß auch vom alchemistischen „Stein der Weisen" als Symbol des Zieles der Selbst- Verwirklichung, man hört oder liest aber relativ wenig direkt über Weisheit. C. G. Jung meinte: „Weisheit ist etwas, dessen sich der einzelne ganz allein erfreut, und wenn er darüber Schweigen bewahrt, wird ihm geglaubt; spricht er aber darüber, so geht keine Wirkung von ihm aus." (Jung, Briefe 1, S. 258)

Adolf Guggenbühl-Craig bezweifelt in seinem Buch „Die närrischen Alten" (Zürich, 1986) gar, dass der Archetyp des alten weisen Menschen ein gültiges und nützliches Ideal sei, zeige doch die Realität des Alters mit seiner Gebrechlichkeit, seinem Zerfall, den Krankheiten, der Starrheit, dem Festhalten an Altem und Überholtem geradezu das Gegenteil.

Fast also wird man in Kreisen der Analytischen Psychologie entmutigt, der Weisheit als einem möglichen Ziel des Lebens und des älteren Menschen zu trauen. Wer aber sonst sollte und könnte Weisheit anstreben, als der lebenserfahrene, ältere Mensch, der um die Begrenztheit allen Wissens und die Endlichkeit des Lebens weiß? Und ist nicht eigentlich fast alles, was in der Analytischen Psychologie mit dem Individuationsprozess, mit Sinnfindung und der Umkreisung des Selbst gemeint ist, eng mit der Entwicklung von Weisheit verbunden?

Das Bemühen um Selbsterkenntnis, die Auseinandersetzung mit dem Schatten und dem Männlichen und Weiblichen, die Einsicht in die Polarität, Paradoxität und Komplexität seelischer Abläufe, das „Eintauchen" in das Unbewusste und seinen nie versiegenden Fluss archetypischer Bilder, Symbole und schöpferischer, selbstregulativer Impulse: Wenn uns das alles nicht weise macht, was soll dann Weisheit überhaupt noch sein?

Ganz sicher kommt Weisheit nicht automatisch mit Lebenserfahrung und Älterwerden, und natürlich haben alle großen Ideale auch ihre dunklen und destruktiven Seiten. Das wissen und erfahren wir immer wieder neu. Sollten wir uns aber vor lauter selbstkritischem Relativismus davon abhalten lassen, die Weisheit zu lieben, auch wenn wir selber nicht weise sind? Oder sollten wir deswegen das Nachdenken und Diskutieren über Weisheit anderen psychologischen Richtungen oder Philosophen überlassen, die es noch wagen, darin einen hohen Wert zu sehen? Heinz Kohut z. B., der Begründer der Selbstpsychologie, beschreibt die Weisheit – neben der Kreatitivät und dem Humor – als einen Aspekt des gesunden und reifen „Narzissmus" im Sinne einer Selbstliebe und Selbstakzeptanz.

Etwa seit den neunziger Jahren entwickelte sich die „Weisheitspsychologie" als neues Forschungsgebiet der Lebensspannenforschung und Gerontopsychologie.

Empirische Studien zeigen, dass Menschen mit höheren Weisheitskompetenzen sich von belastenden Ereignissen besser distanzieren können, bessere Bewältigungsformen haben, erworbene Lebenserfahrungen auf neue Situationen übertragen können, sich mehr mit dem Wohlbefinden von anderen befassen und weniger an vergangenen unangenehmen Ereignissen festhalten.

Als zehn zentrale Faktoren des Weisheit wurden herausgearbeitet: die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, Empathiefähigkeit, Emotionswahrnehmung und -akzeptanz, Humor, Fakten- und Problemlösewissen, Kontextualismus, Wertrelativismus, Nachhaltigkeitsorientierung, Ungewissheitstoleranz, Selbstdistanz und Anspruchsrelativierung. Darauf aufbauend wurde im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie eine „Weisheitstherapie" entwickelt zur Behandlung von Belastungsreaktionen (vgl. Baumann, M./Linden, M. (2008): Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie. Lengerich)

Gerd Scobel, Kultur- und Wissenschaftsredakteur, kommt in seinem Buch „Weisheit: Über das, was uns fehlt" (Köln, 2008) zu dem Ergebnis, dass Weisheit sich darauf bezieht, zu wissen und zu verwirklichen, wie man ein gutes Leben führt und vor allem, wie man gut mit Komplexität umgeht (was durchaus auch eine Einsicht der Analytischen Psychologie sein könnte, die sich ja einmal „Komplexe Psychologie" nannte). Er regt an, Weisheit bereits in der Schule zu fördern, etwa durch meditative Verfahren, und er wirbt für ein „Projekt Weltweisheit." Wäre das nicht auch ein Projekt im Sinne der Analytischen Psychologie?

Jung schreibt in seinem Aufsatz „Die Lebenswende"

(GW 8, § 784ff), dass in früheren Kulturen die Alten die Hüter der Mysterien und der Gesetze waren, in denen sich die Kultur eines Stammes ausdrückte und fragt: „Wie steht es in dieser Hinsicht bei uns? Wo ist die Weisheit unserer Alten? Wo sind ihre Geheimnisse und Traumgesichte?"

Und er beklagt, dass es keine Höheren Schulen für Vierzigjährige gebe, die auf die mehr kulturellen Aufgaben der zweiten Lebenshälfte vorbereiteten. „Statt dessen ziehen es viele Alten vor, Hypochonder, Geizhälse, Prinzipienreiter und laudatores temporis acti (Lobredner einer vergangenen Zeit, Anm. d. Hg.) oder gar ewig Junge zu werden, ein kläglicher Ersatz für die Erleuchtung des Selbst, aber eine unausbleibliche Folge des Wahnes, daß die zweite Lebenshälfte von den Prinzipien der ersten regiert werden müsse."

Zugleich hatte Jung hatte doch auch große Vorbehalte, Weisheit lehren zu wollen, vor allem in Institutionen.

Dennoch: Könnte es nicht an der Zeit sein, auch gesellschaftlich zu einer Spiritualität und Weisheit zu finden, die dem heutigen globalen Menschen entspricht und zum heutigen Menschen- und Weltbild stimmig passt? Zu einer Weisheit, in der gerade auch das Abgründige, Paradoxe und Dunkle der menschlichen Existenz ihren Platz finden? Und könnte es nicht auch eine Herausforderung und Aufgabe der Analytischen Psychologie sein, zu einem solchen Projekt mit beizutragen?

So wünschen wir Ihnen und uns spannende Zukunftsprojekte, weise Entscheidungen und heitere Gelassenheit.

 
Ihre
Anette und Lutz Müller

die vielen spielerisch-kreativen Methoden. Dennoch
gibt es nur sehr wenige positive Äußerungen
zum Glücksbegriff oder zur Freude bei
Jung.
In einem Interview antwortete Jung auf die
Frage, was nach seiner Ansicht die Voraussetzungen
zum Glücklichsein sind:
„1. Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.
2. Gute persönliche, nahe Beziehungen wie
z. B. in der Ehe, in der Familie, und in Freundschaften.
3. Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst
und der Natur wahrzunehmen.
4. Angemessene Lebensbedingungen und
eine befriedigende Arbeit.
5. Eine philosophische oder religiöse Weltanschauung,
die einem helfen kann, mit den
Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich zu
Rande zu kommen.“ (Jung, Gespräche mit
C. G. Jung, 1986, S. 313)
Damit benennt Jung durchaus einige der
grundlegenden Faktoren, die auch von modernen
Glücksforschern als zentral bezeichnet
werden. Er ist aber sehr zurückhaltend, was
ein aktives Anstreben und dauerhafteres Erreichen
von Glückszuständen angeht und betont,
dass Leiden und Glück ein dem Leben notwendiges
Gegensatzpaar sind.
„Selbstverständlich kann es ohne Leiden kein
Glück geben. Der deutsche Philosoph Schopenhauer
sagte, Glück sei nur das Ende des
Leidens. Das ist eine etwas negative Definition.
Insofern Leiden ein sehr realer Zustand ist,
muß Glück ebenso real sein. Aber bedauerlicherweise
können die beiden nicht ohne einander
bestehen. Sie sind so eng verbunden,
daß Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt
intensivstes Leiden eine Art übermenschlichen
Glücksgefühls hervorrufen kann.
Sie bilden ein dem Leben unerlässliches Gegensatzpaar.“
(Jung, Briefe 1, S. 313)
„Alle Faktoren, die man gemeinhin als glückbringend
betrachtet, können unter bestimmten
Umständen das Gegenteil hervorbringen.
Selbst die idealsten Voraussetzungen sind
keine Garantie für das Glück. Eine vergleichsweise
kleine Störung im biologischen oder seelischen
Gleichgewicht kann genügen, um das
Glück zu zerstören. Weder eine gute Gesundheit,
noch günstige finanzielle Verhältnisse,
noch ungetrübte Familienverhältnisse können
einen z. B. vor unsäglicher Langeweile bewahren
- vor einer Langeweile, bei der sogar eine
Veränderung der Verhältnisse, durch eine nicht
zu schlimme Krankheit ausgelöst, eine willkommene
Abwechslung wäre.“ (Jung, Gespräche
mit C. G. Jung, 1986, S. 314 f)
Diese polare Sichtweise von Glück und Unglück
hat aber dennoch dem Glückserleben in
Jungs Werk nur wenig Raum eingeräumt, wenn
man davon absieht, dass die Individuation für
ihn das höchste Glück darstellt (vgl. Zitat S. 8)
Unter den deutschsprachigen Autoren der
Analytischen Psychologie sind es insbesondere
Verena Kast (z. B. Freude, Inspiration,
Hoffnung, 1991), Lutz Müller (z. B. Trotzdem ist
die Welt ein Rosengarten, 1996, 2010) und Riedel
(z. B. Geschmack am Leben finden, 2004),
die in ihren Büchern immer wieder auch die
positiven Aspekte des Lebens in den Mittelpunkt
stellen. Verena Kast hat beispielweise
empfohlen, neben der üblichen Krankheitsanamnese
auch eine Glücks- und Freudenanamnese
zu erheben und diesbezüglichen Tabuisierungen
und Hemmungen therapeutisch
aufzuarbeiten.
Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die
Analytische Psychologie im Hinblick auf den
bewussten Einbezug von Glücks- und Wohlfühlfaktoren
in ihr Persönlichkeits- und Behandlungskonzept
noch einigen Nachholbedarf
hat. Dabei sind wir überzeugt, dass dies
rasch und mühelos gelingen kann, weil die
Grundausrichtung der Analytischen Psychologie
schon immer ganzheitlich, kreativ, final-prospektiv
orientiert ist.
Wir würden uns freuen, wenn es den Autoren
dieses Heftes gelingen würde, auch in Ihnen
Hoffnung und Begeisterung dafür zu wecken,
dass Dankbarkeit, Freiheit, Liebe, Freude,
Glück, Humor und schöpferisches Leben Werte
sind, für die es sich lohnt, zu leben.
Ihre Anette und Lutz Müller
 

INHALTSÜBERSICHT


  • EDITORIAL
    SCHWERPUNKT:

    WEISHEIT?
  • Ingrid Riedel
    Alt und weise?
    Von der Prise Narrheit, die die Weisheit würzt
  • Gerhard Wehr
    Weisheit bei C. G. Jung
  • Ursula Wirtz
    Von der Weisheit des Loslassens
  • Brigitte Dorst
    Weisheit liebt Gerechtigkeit
  • Helmut Hark
    Buch der Weisheit - Gespräche mit der Seele
  • Gottfried Lutz
    Der Glanz der Sophia im Alltagsgewand
    gesammelter Lebensweisheiten
  • Walter Hollstein
    Männlichkeit und Weisheit
    Über eine verloren gegangene Verbindlichkeit
  • Franz Nikolaus Müller
    Weisheit und Kontemplation
  • Jörg Rasche
    Weisheit im Sandspiel
  • Christa Diegelmann
    Resilienz und Hoffnung
    Weisheit des Körpers


    FÜR SIE GESEHEN
  • Volker Münch
    Eine dunkle Begierde
    Rezension zum Film über C. G. Jung, S. Freud und S. Spielrein
  • Dieter Volk
    Alexis Sorbas
    Närrische Weisheit oder „Lehre mich tanzen“

    Nachruf

  • Ingrid Riedel
    Hildegunde Wöller
  • Barbara Beyland
    Dr. Wolfgang Kleespies
  • Irene Bischof
    Mario Jacoby

AKTUELLE AUSGABE


Aktuelles Heft

Heft Nr. 38 • September 2017
Hinweis für den Buchhandel (Libri): Jung Journal 38 • Forum für Analytische Psychologie und Lebenskultur • (Broschiert) •
von Prof. Dr. Lutz Müller (Herausgeber) • ISBN: 978-3-939322-38-2

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