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Forum für Analytische Psychologie und Lebenskultur
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und Lebenskultur

Heft Nr. 38 • September 2017 • SCHWERPUNKT: ESSEN 

Heft 38
 
Inhalt:
Anette Müller: Essen - einfach wunderbar
Eckart von Hirschhausen: Wie wir vom Entgiften entgiften können
Sylvia Runkel: Magersucht – eine Sucht, mager zu sein?
Anselm Grün: Fasten und Askese – Wege der Spiritualität
Johannes Dürr: Miteinander essen, um zu leben – zu Sinn und Symbolik des Abendmahls
Gerhard Heydt: Tafelmusik – Genuss mit allen Sinnen
Irene Berkenbusch-Erbe: „Russischer Topf“ und „Dünne Suppe“ bei Thomas Mann und Primo Levi
Hanna Wolter: Aktive Imagination und Märchen: Tischleindeckdich
Diethild Laitenberger: Das Märchen vom süßen Brei
Roland Heinzel: „Reinbeißen, bevor es ein anderer tut!“ - Ersatzbefriedigungen und Erlösungssehnsüchte
Stefanie Nahler: „Kaffee? Tee?“ – eine entscheidende Frage im Kontakt mit Flüchtlingsfamilien
Margarete Leibig: Essen – Solidarität in der Praxis

FÜR SIE GESEHEN
Dieter Volk: „Chocolat“ – eine himmlische Verführung
 
Leseprobe:
 
Liebe Leserinnen und Leser,
Jeden Tag vollziehen wir mehrmals, ohne es recht zu bemerken, einen der erstaunlichsten Wandlungsvorgänge, den es gibt: Die Nahrungsaufnahme, die Verwandlung der materiellen Elemente der Natur in Körper, Leben, Seele und Geist.
Die alten Alchemisten staunten auch darüber und hofften, diese Prozesse, die sie in der Natur bei den Pflanzen, Tieren und Menschen vorfanden, nachbilden, beschleunigen und zu ihrer höchsten Entwicklung bringen zu können. „Quod natura relinquit imperfectum, ars perficit“ – Was die Natur begonnen, aber nicht vollendet hat, sollte die Kunst der Alchemie, der Wissenschaft, zur Perfektion bringen.

„Solve et coagula“: „Löse und verbinde“ war dabei ihr zentraler Leitgedanke. Aus einem meist minder bewerteten Ausgangsmaterial, der im „Dreck der Straße“ („in stercore invenitur“) gefunden wurde, der „prima materia“, sollte durch einen fortwährenden, langwierigen und oft gefährlichen Vorgang der Analyse und Synthese, die Allem zugrundliegende Ur-Energie der vier Elemente – der Erde, dem Feuer, dem Wasser und der Luft – extrahiert und zum „lapis philosophorum“, dem „Stein der Weisen“ transformiert werden.

Diese eigentlich naheliegenden Fantasien bilden bis heute die Grundlage vieler Wissenschaften, z. B. der Chemie, der Physik, der Biologie, der Genetik, der Pharmakologie, der Medizin und – wie C. G. Jung dargestellt hat – der Religion, Philosophie und Psychologie. Der „Stein der Weisen“ sollte ja nicht nur Gesundheit und langes Leben bringen, sondern eben auch geistige Reife, Bewusstheit und Weisheit.
Während wir heutigen Nachfolger der Alchemisten in den Naturwissenschaften die Bausteine der Materie und des Lebens relativ gut bis auf atomarer, molekularer und genetischer Ebene analysiert haben und bereits beginnen, diese Vorgänge zu clonen, scheint es mit dem „wahren Gold“ der philosophischen Alchemisten in den modernen Geistes- und Sozialwissenschaften noch nicht so weit her zu sein.
Psychologie und die kognitiven Wissenschaften, die dazu die notwendigen Hilfsmittel bereitstellen könnten, stecken noch in den Kinderschuhen. Und die Philosophie, die „Liebe zur Weisheit“, scheint von den akademischen Wissenschaften fast schon vergessen zu sein.

Was können wir tun? „Staunen ist der Anfang der Weisheit“ – für Platon und Aristoteles begann alle Philosophie mit dem Staunen, einem Staunen, mit dem Dinge, die wir allgemein als selbstverständlich und wenig beachtenswert ansehen, mit tieferer Aufmerksamkeit und Bewusstheit zu betrachten beginnen.

Das wäre doch auch für uns schon mal ein guter Anfang. Nicht nur einfach „unbewusst Dahinleben“ und „nicht wissen, was wir tun“, sondern uns des Wunders des Lebens, an dem wir in jedem Augenblick teilhaben, bewusst werden: dem Wunder unseres Lebendigseins, der geheimnisvollen Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer,/Licht, aus denen wir bestehen, dem Wunder unseres Körpers und dem unfassbar komplexen Wechselspiel unserer Organe untereinander wie auch mit der Umwelt und schließlich auch dem Wunder unseres kreativen, geistigen Potenzials und unseres Bewusstseins.

Unsere Menschwerdung ist untrennbar verbunden mit dem Zusammenspiel von körperlichen und geistigen Prozessen, die wir aber nicht wirklich voneinander trennen können.

In unserer Evolution spiegelt sich das geradezu beispielhaft: Die Entwicklung unseres Körpers, unserer Wahrnehmung, Sprache und Kognition ist ohne die Entwicklung unseres aufrechten Gangs und unserer handwerklichen Fähigkeiten nicht denkbar.
Das Freiwerden unserer Hände durch den aufrechten Gang, die Entwicklung des den anderen Fingern gegenüberstehenden Daumens, die Koordination von Blick und Hand sind evolutionspsychologisch betrachtet zentrale Voraussetzungen zur Entwicklung von materiellen und kulturellen Werkzeugen, von Technik, Kunst, Sprache, Kognition und Bewusstsein. Das Bewahren, Schützen und Transportieren und schließlich das selbstständige Erzeugen des Feuers ermöglichten den frühen Menschen eine effiziente Kontrolle und Umgestaltung der vorgefundenen jeweiligen Umgebung und wirkten zurück auf das Wachstum und die Entwicklung des Körpers Die unterschiedlichen Koch-, Brat- Backmethoden etwa förderten das rasante Wachstum des menschlichen Gehirns im Unterschied zu dem der Hominiden, denn erst durch das Garen von Fleisch und pflanzlichen Nahrungsmitteln ließen diese sich leichter und besser verdauen und die Nährstoffe besser aufschließen.

Wo anders als beim Thema Essen könnte uns also die untrennbare Einheit von Körper, Seele und Geist, Natur und Umwelt und das Wunder deren ständiger Wandlung in solcher Deutlichkeit bewusst werden?

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und uns eine gute, gesunde, aufbauende, heilsame körperliche wie geistige Nahrung,
Ihre
Anette und Lutz Müller

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