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Heft Nr. 45 • April 2021 • SCHWERPUNKT: BEDROHTE ORDNUNGEN

Heft 45
Heft 41 xs
 
Inhalt (Auszug):

Bernd Leibig: Bedrohte Ordnungen
Ursula Wirtz: „Wie Phoenix aus der Asche“ – Zusammenbruch – Durchbruch – Aufbruch
Ernst Peter Fischer: Schicksale – Der Lauf der Zeit
Christiane Lutz: Gegensatzthematik und Schöpfungsmythen | Das Geheimnis von Chaos und Ordnung, Regellosigkeit und Struktur, Leben und Tod
Monika Rafalski: Der Regenmacher | Verwerfungen im kosmischen Gewebe und unsere Verflochtenheit damit
Friederike von Tiedemann: Paare und chronische Erkrankung – Chance zum Wandel?
Dieter Knoll: Wer oder was bedroht die Ordnung?
Johannes Dürr: Bedrohte Ordnungen – What time is it?
Wolfgang Kessler: „Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus muss aufhören“
Walter Hollstein: Gesellschaft in Erosion
Klaus Uwe Adam: Der Sinn der Corona-Krise und die Auswirkungen auf die Menschen
Christian Kessner: Die Suche nach der Krone | Ein Nachspüren über das Symbol der Krone in Zeit von Corona
Ludger Verst: „Wo aber Gefahr ist, ...“ | Nachforschungen zu einer Nachtmeefahrt
Volker Hansen: Felix Impfung
Margarete Leibig: Noch bist Du da
FÜR SIE GESEHEN
Dieter Volk: Le Havre – Ein Film von Aki Kaurismäki
 
Editorial:
 
Liebe Leserinnen und Leser,
 
den Titel Bedrohte Ordnungen hatten wir in der Redaktion für das Heft Nr. 45 bereits 2019 festgelegt.
 
In den letzten Jahren ging es uns in Europa offenbar teilweise so gut, dass wir fast vergessen konnten, was Menschen seit Urzeiten immer wieder neu erlebt haben: Not und Krisen, Kriege, Epidemien, Natur- und Umweltkatastrophen, permanente Lebens- und Todesängste. Die in unser scheinbar friedliches und geordnetes Leben hineinragenden kollektiven Gefährdungen der ökologischen, soziokulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse hatten aber doch schon erhebliche Risse in vielen unserer angenommenen Selbstverständlichkeiten entstehen lassen. Wir konnten zunehmend kollektive Entwicklungen erahnen, die unser individuelles Leben und Wohlbefinden erheblich stören würden. Und dann veränderte im Laufe eines Jahres der Virus SARS-CoV2 unser aller Leben auf eine bis dahin kaum vorstellbare Weise.
 
„In den schwärzesten Augenblicken liegen oft die schönsten Schätze verborgen“ – diesen Satz fanden wir vor Kurzem in einem der vielen Kommentare zu dem seit einem Jahr alles beherrschenden Thema der Pandemie.
 
Der hoffnungsvolle Trost solcher Sätze kann denen helfen, die eine solche Krise überleben und klingt vielleicht zynisch für diejenigen, die Betroffene und Geschädigte sind. Andererseits bleibt uns in solchen Augenblicken auch nicht viel mehr, als zu hoffen und zu überlegen, was wir besser machen können, wenn es für uns noch einmal gut gehen sollte.
 
C. G. Jung hegte am Ende seines Lebens, wie er in seinen Erinnerungen schrieb, nur noch eine ängstliche Hoffnung, dass das Sinnvolle des Lebens letztlich gewinnen werde.
 
An anderer Stelle schrieb er: „Wir glauben an den Wohlfahrtsstaat, an den Weltfrieden, mehr oder weniger an die Gleichberechtigung aller Menschen, an die ewiggültigen Menschenrechte, an Gerechtigkeit und Wahrheit [...]. In Wirklichkeit ist es traurige Wahrheit, dass unsere Welt und das Leben aus unerbittlichen Gegensätzen besteht, aus Tag und Nacht, Wohlergehen und Leid, Geburt und Tod, Gut und Böse. Wir sind nicht einmal sicher, dass eines das andere aufwiegt, das Gute das Böse oder die Freude den Schmerz. Leben und Welt sind ein Schlachtfeld, waren es immer schon und werden es immer sein, und wäre dies nicht der Fall, so würde das Dasein bald ein Ende nehmen. Einen ausgewogenen Zustand gibt es nirgends.“ (Jung GW 18/1, § 563 f.)
 
Jung ging von einer polaren Dynamik aller Lebenserscheinungen aus und bezog sich dabei häufig auch auf den vorsokratischen Philosophen Heraklit von Ephesos (um 500 v. Chr.). Dieser sah in dem ewigen Widerstreit und Wandel der Gegensätze, die sich ineinander enthalten, vermischen und immer wieder neu trennen und ausdifferenzieren, das Grundprinzip allen Seins. Aus dem Lebenden würde Totes und aus dem Toten Lebendiges, aus dem Jungen werde Altes und aus dem Alten Junges, der Strom der Erzeugung und des Untergangs stehe niemals still. Heraklits Auffassung wird oft mit den Sätzen: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ und „Alles fließt” (griech. „panta rhei”) – zusammengefasst.
 
Jeder Zustand wird zwangsläufig auf dem Punkt seiner höchsten Ausdehnung abgelöst durch das Hervortreten seines Gegenteils. Dieses Umschlagen nannte Heraklit „Enantiodromie.“ Jung bezeichnete den Vorgang auch als das „grausame Gesetz“ der Enantiodromie (vgl. Jung, 1971, GW 7, § 112).
 
Die Grausamkeit der Enantiodromie wird immer dann besonders leidvoll erlebt, wenn ein dominanter Zustand allzu sehr auf strikter Unterdrückung und Verdrängung seines Gegenteils aufgebaut ist und sich der neue Zustand im Sinne eines ausgleichenden Anwachsens, Erweiterns und kreativen Integrierens nicht organisch entwickeln kann. Das Verdrängte setzt sich dann individuell wie auch kollektiv „gewaltsam“ durch, zeigt dabei oft seine dunkle und schreckenerregende Seite, weil der Einzelne bzw. die Gesellschaft sich weigern, ihre Positionen in Frage zu stellen.
 
Der Widerstand gegen die Wandlung und eine Veränderung des Bewusstseins kann dann schließlich zu einem leidvollen „Auseinandergerissensein in die Gegensatzpaare“ führen (vgl. Jung, 1971, GW 7, § 113). Aus dieser Spaltung entstehe „das merkwürdige Gefühl von Hilflosigkeit, welches das [...] Bewusstsein beschleicht“ (ebd. § 562).
 
Das können wir heute ganz besonders deutlich erleben und erleiden. Unsere Zeiten scheinen auch wirklich noch einmal ganz anders als alle Zeiten zuvor und stellen uns vor nie dagewesene Aufgaben: Der Zusammenprall der Völker und Kulturen, der globale Welthandel, die Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung, digitale Vernetzung und Informationsüberflutung bringen uns an den Rand unserer psychischen Belastungs- und Verarbeitungskapazität. Wir finden keinen ruhenden Pol mehr in dem sich immer schneller drehenden Karussell der Einflüsse, Mächte und Kräfte.
 
Manche Menschen befürchten, das Ende der Menschheit sei nicht mehr aufzuhalten. Die einen reagieren voller Angst mit Gewalt, Feindprojektionen und Verschwörungsfantasien, die anderen ziehen sich regressiv und deprimiert zurück und hoffen, dass durch geduldiges Aushalten und Abwarten irgendetwas irgendwann wieder besser wird.
 
Diese Arten mit bedrohlichen, aber dringend notwendigen Veränderungen durch Abwehr und passiven Rückzug umzugehen, nennt Erich Neumann in seinem Aufsatz Frieden als Symbol des Lebens (1959), den „kleinen Frieden“, weil er immer nur kurzfristig Erleichterung bringt. Eine Möglichkeit zu einem tieferen, größeren „schöpferischen Frieden“ sieht er darin, dass die Gegensatzspannung grundsätzlich als zur Einheit und Ganzheit des Lebens gehörend bejaht, ausgehalten und immer wieder neu schöpferisch zu beantworten gesucht wird. Das gilt für ihn im Kleinen des persönlichen Individuationsprozesses wie auch im Großen globaler kollektiver Entwicklungen.
 
„Im Laufe dieser Entwicklung, die als Integrations- und Zentrierungsprozess beschrieben worden ist, bildet sich etwas, das im Vor und Zurück der Kämpfe, im gewonnenen und wieder verlorenen Frieden als Mitte der Wandlung auch jenseits der Wandlung existiert.
 
Dieses Sich-Bilden oder Sichtbarwerden eines ruhenden Poles ist Ausdruck dessen, dass das Ich sich auf etwas zu stützen beginnt, das, von Anfang an vorhanden, erst allmählich sich in seiner fundamentalen Wirklichkeit offenbart. Mit dem Auftauchen der Einheit des Selbst tritt ein neues Friedensmoment und eine neue Ordnung in Erscheinung. Es ist diese Ganzheit [...] welche die Wurzel des größeren Friedens ist, der als Ziel der Gegensatzvereinigung innerhalb der Psyche sichtbar wird. [...]
 
Dass sich uns unsere unverlierbare Zugehörigkeit zum Schöpferischen immer wieder verstellt und so anscheinend verloren geht, scheint mit zu dem Spiel zu gehören, das wir zugleich spielen und das mit uns spielt.
 
Der Wind, der außen und innen wehet, wo er will, spielt so lange mit uns und macht uns zu seinem Spielball, solange wir ihm Widerstand leisten. Wenn wir für ihn offen und durchlässig werden, geraten wir an das innerste Leben der Welt und von uns selbst und an die Einheitswirklichkeit, in der wir und die Welt zusammengehören.
 
Erst hier verliert der Mensch das Gefühl, ausgeliefert und verloren zu sein; er wird zum „Wanderer“ in der tiefsten Nachgiebigkeit dem Wind des Geschehens gegenüber, das uns nicht mehr als ein Fremdes gegenübersteht, sondern ein Eigenes ist, dem wir folgen [...].
 
Dieses Innerste ist schöpferisches Leben und Frieden mit sich selbst, ist Heiterkeit und Stille innerhalb von Leben und Tod. [...]
Auch von ihm gilt, was Heraklit vom ätherischen Feuer im menschlichen Körper ausgesagt hat: ‚sich wandelnd, ruht es‘.“ (Neumann, Frieden als Symbol des Lebens, 1959, 2005, § 62 und § 123 f.; kostenloser Download bei opus-magnum.de)
 
Dass auch wir in diesen stürmischen und beängstigenden Zeiten unsere innere Mitte als ruhendes und zugleich sich ständig wandelndes Selbst erfahren und bewahren können, das wünschen uns und Ihnen,
 
für Ihr Redaktionsteam
 
Ihre Anette und Lutz Müller
 
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