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Heft 30: Geld

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Heft 30
 
August 2013 Schwerpunkt:  G€LD
 
  • Dieter Knoll: Geld und Seele – Eine tiefenpsychologische Annäherung
  • Roland Heinzel: Mammon – Gott oder Teufel? Zur archetypischen Bedeutung des Geldes
  • Claudia Nagel: Macht und Magie des Geldes – Heiligtum und Fetisch
  • Roland Weber: Die Liebe und das liebe Geld
  • Linde von Keyserlingk: Wirf Gold und Silber über mich
  • Irene Berkenbusch: Geld und Gold im Märchen
  • Maretta Steigenberger: „Es fehlt das Geld, nun gut, so schafft es her“
  • Reiner Manstetten: Geld und Transzendenz
  • Franz-Johannes Litsch: Das Ich als Ware | Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und Buddhas Praxis der Achtsamkeit
  • Johannes Hoffmann: Warum und wie lege ich mein Geld ethisch – ökologisch an
  • Volker Münch: Die Griechen und das Geld – eine archetypische Sicht auf die Probleme Europas
  • Uwe Langendorf: Schnelles Geld – Zum Verhältnis von Ökonomie und Psychoanalyse

    FÜR SIE GESEHEN
  • Dieter Volk: Im Oktober werden Wunder wahr
 
Editorial:
 
Liebe Leserinnen und Leser,
 
„Geld regiert die Welt" heißt es, aber auch, fast paradox: „Über Geld spricht man nicht." Obwohl Geld doch ganz offensichtlich von zentraler Bedeutung für unser aller Wohlergehen ist und die bewusste Auseinandersetzung mit ihm von daher einen ebenso zentralen Inhalt der Individuation ausmachen müsste, unterliegt auch dieses Thema – wie das Thema Macht im Heft 28 – einer merkwürdigen Tabuisierung.

Es scheint, als solle uns das Thema Geld und welche große Rolle es in unserem Leben spielt, irgendwie unbewusst bleiben. Wir reden nicht oder kaum über unser Geld, obwohl wir vielleicht mehr daran denken als an die uns nahen Menschen, und wir verschweigen Fantasien, Emotionen, Ängste, Wut u. a., die sich um unser Geld drehen. Wir fassen unser Geld und Gold gerne an, wir blättern gerne unsere Vermögensübersichten durch und überlegen uns, wie unsere Finanzsituation in der Zukunft aussehen wird. Aber darüber zu sprechen oder über unser Interesse am Besitz, am Reichtum und an der Macht, ist uns meist sehr unangenehm und peinlich. Unsere Beziehung zum Geld ist offenbar etwas sehr Intimes und ein sehr sensibler Teil unserer Identität. Wer mehr als andere verdient, fürchtet beneidet zu werden, wer weniger verdient, schämt sich, fühlt sich als Versager: „Haste was, biste was!"

Der Begriff Geld stammt vermutlich vom althochdeutschen „gelt" ab, der auch z. B. in gelten und vergelten steckt. Wer Geld hat, der gilt etwas und der muss nichts schuldig bleiben.
Das Geldthema berührt somit Selbstwert-, Leistungs-, Rivalitätskomplexe und provoziert vielfältige Beziehungskonflikte, die aus den mit diesen verbundenen allgemeinmenschlichen Komplexreaktionen hervorgehen.
Hinzu kommt: Obwohl Geld – zumindest für die „Geldmenschen" – ja nicht „stinkt", hat es – besonders für die „Gutmenschen" – doch auch einen deutlich „anrüchigen", „schnöden", „schmutzigen" Charakter. Das könnte mit dem von der Psychoanalyse gesehenen Zusammenhang von Geld, Gold und Kot (Kot als frühe Form eigenen Besitzes und eigener „kreativer" Produktion) und der Konfliktdynamik von Hergeben, Schenken versus Zurückhalten und Behalten zusammenhängen; oder mit dem von der christlichen Tradition her behaupteten Zusammenhang zwischen dem Geld, dem Seelenverlust und dem Teufel (der den Menschen ja zu Macht und Reichtum verführen will).

Auch in philosophischer Hinsicht wurden Geld, Kapital und Besitz immer wieder „verteufelt". Kaum jemand hat den „bösen", entfremdenden Charakter des Geldes vehementer angeprangert als Karl Marx: „Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dieses fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an." Die Lösung, die der Kommunismus anstrebte, um diese Entfremdung des Menschen aufzuheben, scheint aber nicht tragfähig zu sein, vermutlich auch, weil er die Stärke des Prinzips „Eigennutz" im Menschen unterschätzt.

Diese und andere Zusammenhänge mögen also dazu beitragen, dass man über Geld nicht sprechen und sich seine Beziehung zu ihm nicht wirklich bewusst machen darf. Das hat aber wahrscheinlich schlimmere Folgen, als wir ahnen. Möglicherweise sind die großen Wirtschafts- und Finanzkrisen, von denen wir auch in diesem Heft immer wieder lesen, auch zu einem guten Teil „unserer aller Schuld" – ein Resultat unseres Unbewusstbleibens gegenüber der immensen Bedeutung des Geldes für uns und unseres naiven, oft magisch-wundergläubigen Umgangs mit ihm.

Gut denkbar ist ja, dass die „machthungrigen und geldgeilen Ausbeuter und Teufel" der Großbanken und Finanzdienstleister, das Unbewusstlassen und Tabuisieren unserer eigenen diesbezüglichen Schattenseiten gehörig ausnutzen, um uns für ihre Zwecke zu ködern und zu manipulieren. Weil wir selbst mit die- sem „schmutzigen Geschäft" nichts zu tun haben wollen, lassen wir es vertrauensvoll von denen „verrichten", die damit keine Skrupel haben. Und natürlich tarnen diese ihr „Geschäft" und ihre heimlichen „Machenschaften" so sehr, dass wir keine Chance mehr haben, die genauen Zusammenhänge zu verstehen. So können sie uns richtig „verscheißern."

Die Hoffnung, aus „Scheiße" bzw. „Beschiss" könne Gold gemacht werden, ist eine alte alchemistische Vorstellung. „In stercore invenitur" (sinngemäß: im Dreck auf der Straße wird der Stein der Weisen gefunden - damals lief in den Städten noch der ganze menschliche Unrat über die Straßen) heißt einer ihrer zentralen Sätze. In dem Werk „Psychologie und Alchemie" von C. G. Jung finden wir folgenden kurzen Traum eines Klienten von Jung (vgl. GW 12, 18. Traum, S. 102ff.): „Ein Mann bietet ihm auf der flachen Hand Goldmünzen an. Der Träumer aber wirft sie entrüstet zu Boden und bereut seine Handlung unmittelbar hernach aufs tiefste. Dann findet auf abgegrenztem Platz eine Varietévorstellung statt."

Im Traum geschieht etwas durchaus Typisches für „Gutmenschen" mit „aufgeklärtem", intellektuellem und religiösem Bewusstsein. Münzen werden entrüstet weggeworfen, als seien sie unter der Würde des Träumers: zuviel Materielles, zuviel Profanes, zuviel Triebhaftes und Gieriges. Jung meint, dass die Münzen, „die grobe Materialität des gelben Metalls mit seinem odiosen Beigeschmack ..." weggeworfen werden, könne uns zeigen, wie schwer es unserem Bewusstsein manchmal fällt, den „lapis" zu finden, weil er „exilis", unansehnlich, sei, weil er das Billigste sei, das überall vorkommt ..." Dazu passen auch unsere umgangssprachlichen Namen für das Geld: Asche, Koks, Flöhe, Kröten, Mäuse, Kies, Kohle, Lappen, Heu, Moos, Pulver, Schotter, Steine etc.

Die heftige Reue des Träumers sei eine Reaktion darauf, dass „das kostbare Geheimnis verworfen und damit die Sphinxfrage unrichtig beantwortet wurde." Dass das Gold geprägt sei, das heißt geformt, abgestempelt und bewertet, könne darauf hinweisen, dass Formung und Benennung für die Psyche und die Entwicklung des Menschen zentral seien: „Der natürliche Mensch ist kein Selbst, sondern Massenpartikel und Masse, ein Kollektivum bis zu dem Grade, dass er seines Ich nicht einmal sicher ist. Darum bedarf er schon seit uralten Zeiten der Wandlungsmysterien, die ihn zu ‚etwas' machen und damit der tierähnlichen Kollektivpsyche, die ein bloßes Vielerlei ist, entreißen. Wird aber das unansehnliche Vielerlei des ‚gegebenen' Menschen verworfen, so wird auch seine Integrierung, die Selbstwerdung, verunmöglicht."

Warum ist die „Sphinxfrage" vom Träumer unrichtig beantwortet worden? Das Rätsel der Sphinx drehte sich bekanntlich um die Frage des Menschseins. Und in der Analytischen Psychologie ist klar, dass es bei dieser Frage um den Sinn der menschlichen Existenz, die Individuation und immer um den vollständigen Menschen geht, um den ganzen Menschen mit „Herz" und Verstand, mit „Tierischem" und „Göttlichem", mit Bewusstem und Unbewusstem, mit „Geistigem" und „Materiellem", mit Dunklem und Hellem.

Es hilft einfach nicht, einen psychischen Inhalt – und scheint er noch so banal, primitiv und gewöhnlich wie unser Interesse am Besitz und Geld – einfach entrüstet „wegzuwerfen", das heißt zu verleugnen, zu unterdrücken oder zu verdrängen, um ihm seine Energie zu nehmen. Denn es sind ja gerade auch diese „primitiven", „archaischen" Energien, die uns in der Evolutionsgeschichte geholfen haben, unsere Existenz zu sichern, zu überleben und uns fortzupflanzen. Sie sind und bleiben von äußerster Vitalität und Stärke, auch wenn unser „reifes" Bewusstsein sie gerne verleugnen oder überwinden möchte.

So scheint es nach tiefenpsychologischer Erkenntnis nur einen guten Weg zu geben: den der Integration dieser Energien. Das bedeutet ein Bemühen um eine weitgehende bewusste Auseinandersetzung mit unseren Sicherheits-, Besitz-, Macht- und Geltungstendenzen, mit ihren positiven wie negativen Seiten. Erst daraus kann sich ein verantwortlicher, bewusster Umgang mit ihnen entwickeln.

Und eine solche Auseinandersetzung muss natürlich auch ganz besonders mit dem Geld geschehen, da es doch außerweltlich und innerpsychisch einen „höchsten Wert", die „schwer erreichbare Kostbarkeit" darstellt und symbolisiert. Umso mehr noch, wenn man bedenkt, dass Geld eine Sache ist, in der sich ein großer Teil unserer Lebensenergie und Lebenszeit - das Wichtigste, was wir haben – sublimiert und verdichtet.

Von daher müsste doch die Frage, wieviel wir von unserer Lebensenergie und Lebenszeit durch Arbeit in Geldenergie umwandeln und wieviel wir davon unmittelbar, direkt und konkret leben und nicht auf die „lange Bank" schieben wollen, ganz elementar für uns sein! Apropo „Umwandlung": In der Alchemie war ein zentrales Symbol für die „Wandlungssubstanz", also die Sache, die sich von der unansehlichen schmutzigen Ausgangssubstanz, der „prima materia", zum „Stein der Weisen" oder „lapis philosophorum" transformierte, die mythische Gestalt des Hermes-Mercurius. Mit diesem trickreichen, kaum fassbaren, flügelfüßigen Götterboten, dem Gott der Kaufleute und Händler, der Reisenden, Diplomaten und Vermittler, dem Herrn der Wege und Kreuzungen, aber auch der Gaukler, Lügner, Betrüger und Illusionskünstler aller Art müssen wir uns dringend beschäftigen, wenn wir etwas von der Welt der Banken, der Medien und Informationen, des „Entertainment", der Politik und der Vielgestaltigkeit und Wandlungsfähigkeit der Psyche verstehen wollen. Denn auf allen diesen Gebieten mischt Hermes kräftig mit. Nur wenn wir etwas mehr von den Künsten des Hermes in uns kennen, können wir auch auch etwas besser dem Hermes draußen begegnen.

Interessanterweise taucht in dem oben beschriebenen Traum am Ende ja auch eine Varietéverstaltung auf. Zirkus, Theater und Varieté (franz. bunte Vielfalt) bieten gesellige Unterhaltung, in der sich Geschick und Können oft genug mit Schein und Täuschung verbinden und von „fahrendem Volk", den Schützlingen des Hermes, betrieben werden. Und zwischen diesem vergnüglichen, schattenhaften, bunten „fahrenden Volk" und der Welt der „grauen Herren" der Banken und der Politik mit ihren weißen Hemden und Krawatten, die uns den Anschein besonderer Seriosität geben sollen, lassen sich etliche Gemeinsamkeiten auffinden, wenn man genauer hinschaut und die Tricksterhaftigkeit des Hermes dahinter sieht. 
 

Ihre Anette und Lutz Müller

 

 
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