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Heft 28: Macht: Faszination und Tabu

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Heft 28
 
August 2012 Schwerpunkt: Macht – Faszination und Tabu
 
  • Roland Heinzel: Ich will doch nur dein Bestes | Macht und Ohnmacht in Therapie und Gesellschaft
  • Hans Jellouschek: Wer hat die Hosen an | Macht und Ohnmacht in Paarbeziehung
  • Hinderk M. Emrich: Allmacht der Psyche
  • Michael Lindner: „Ein stärkstes Erlebnis" | C. G. Jung und Nietzsches Zarathustra
  • C. G. Jung (Jung im Original): Der andere Gesichtspunkt: Der Wille zur Macht
  • Almut Bruder-Bezzel und Klaus-Jürgen Bruder: Minderwertigkeitsgefühl und Macht – Zur Machttheorie Alfred Adlers
  • Anselm Grün: Führung und Macht
  • Reiner Manstetten: Wirtschaftskrise als Herausforderung
  • Sabine Streitel: Wellen, Wind und kleine Wunder – Urkraft der Natur
  • Kathrin Asper: Die Bremer Stadtmusikanten. Ruhestand – Gott sei Dank

    HUMOR
  • Bernd Leibig: Der Wille zur Ma. | Ein baden-württembergisches Marionettenspiel
  • Geld, Macht, Sex und Verschwiegenheit
 
Editorial:
Suchst du das Höchste, das Größte?
Die Pflanze kann es dich lehren.
Was sie willenlos ist,
sei du es wollend – das ist's!
Friedrich Schiller
Liebe Leserinnen und Leser,
  
als wir uns mit dem Thema der Macht für dieses Heft intensiver zu beschäftigen begannen, stießen wir auf ein Phänomen, das uns bei uns selber überraschte: das Tabu der Macht. Obwohl uns die gegenwärtige und die vergangene große Weltgeschichte in eindrücklicher Weise die Faszination der Macht vor Augen führt, sich fast alles um die Macht der Götter, Könige, Herrscher und Helden dreht, scheint es im Kleinen unseres persönlichen alltäglichen Lebens fast gar nicht darum zu gehen.
 
Es scheint uns inzwischen leichter zuzugestehen, dass uns Sex und Geld interessieren, als dass wir zugeben könnten, an Macht interessiert zu sein. Macht verbinden wir mit Egoismus, Gier, Narzissmus, Rücksichtslosigkeit, Herrschsucht und Gewalttätigkeit. Machtstreben, das wissen wir spätestens seit dem Christentum, ist des Teufels, ein Schattenbereich, den fast alle Religionen anprangern – allerdings, wie wir bis heute sehen, ohne großen Erfolg. Im Gegenteil: Durch die Schaffung unserer Götter, vor allem auch der monotheistischen patriarchalen Gottesbilder, haben wir – aus einem Ohnmachtsgefühl heraus? – die All-Macht der Eltern bzw. des Ur-Vaters oder Großen Vaters verewigt. Bis heute streben Religionen nach Macht und weltumspannender Geltung.
 
Was ist Macht? Macht (idg. magh: können, vermögen; Fähigkeit und Kraft, auch Zeugungskraft haben; über Mittel, Geld und Gut verfügen) bedeutet, dass wir versuchen, unser Wollen gegen innere und äußere Widerstände durchzusetzen. Sobald wir ein Ziel erreichen möchten, üben wir psychische und soziale Macht aus, müssen wir inneren und außerhalb von uns liegenden Hemmungen, Hindernissen, Widerständen entgegentreten und sie zu überwinden suchen.
 
Wenn wir uns im Kleinen unseres alltäglichen Lebens bewusst nach Machttendenzen umschauen, stoßen wir bald überall auf sie, als erstes natürlich in unserer eigenen Psyche. Wir möchten schließlich unser „eigener Herr (Frau)", „Frau (Herr) im eigenen Hause" und „Herr/Frau der Lage" sein. Unsere Gedanken, Emotionen, Affekte und Komplexe möchten wir gerne bewusst machen, beherrschen bzw. so lenken und modulieren, dass sie so sind, wie wir sie gerne hätten (auch wenn wir immer spüren, dass uns das nicht gelingt). Und in Beziehung zu anderen Menschen findet unentwegt ein meist recht subtil geführter Machtkampf statt, der die anderen dazu bringen soll, das zu denken, zu fühlen oder zu tun, was wir wollen.
 
Wenn die üblichen Machtmittel nicht genügen, wenn wir mit unserem Wissen, unserer Kontrolle und unserem Handeln an Grenzen stoßen, greifen wir auch heute noch auf die Methoden der „Magie" zurück. Magie (lat. magia: Lehre der Zauberer, Zauberei) bezeichnet Praktiken, durch die der Mensch mit Hilfe besonderer psychischer Kräfte, mit Hilfe von Formeln, Imaginationen, Gebeten usw. seine eigenen Wünsche und Vorstellungen auf die Umwelt und die Mitmenschen übertragen will. Auch wenn diese Methoden nicht wissenschaftlich belegbar sind, so können sie psychologisch gesehen wirksam sein. „Der böse Blick", magische Rituale, ein Talisman oder ein Statussymbol beeindrucken uns unterschwellig oft sehr stark, z. B. indem wir durch sie eine Schwächung oder Besserung unseres Selbstvertrauens erfahren.
 
Im mitmenschlichen Zusammenleben ist Macht also dauernd präsent, auch wenn wir es nicht gerne wahrhaben wollen. Jede Form von privater und sozialer Beziehung ist mit Konkurrenz, Rivalität und Machtausübung verbunden, denken wir an die Macht von Familiensystemen, die Macht der Mütter und Väter, die Macht der Kinder, die Macht von Männern und Frauen, von Freunden, Nachbarn und Kollegen, die Macht von Autoritätspersonen wie Erziehern, Lehrern, Vorgesetzten, Managern, Ärzten, Therapeuten, Pfarrern, Polizisten, Beamten, Politikern. Im öffentlichen Leben begegnet uns die Macht der Medien und der Werbung, die Macht des Staates, der Institutionen und Organisationen, die Macht des Geldes, der Statussymbole, der charismatischen Persönlichkeit etc.
 
Obwohl Machttendenzen allgegenwärtig sind, haben wir oft den Eindruck, es seien vor allem die Anderen, die Macht auf uns ausüben wollen. Wir selbst – und ganz besonders Menschen aus sozialen Berufen – erleben uns eher als kooperative, anpassungsfähige, freundliche, wohlwollende Menschen und sogar als hilflose und ohnmächtige „Opfer" machtvoller Fremd-Einflüsse.
 
Aber das ist eine Fehlwahrnehmung: Natürlich versuchen auch wir unentwegt, unseren Machtbereich auszudehnen. Fast jede Handlung, jedes Wort, jede Mimik, Gestik, jede Kommunikation mit anderen Menschen hat immer auch einen appellativen und manipulativen Anteil, mit dem wir den Anderen von unserem Standpunkt, unserer Ansicht überzeugen wollen.
 
Der offenen und direkten Beeinflussung der „Machtmenschen" durch Befehlen, Anordnen, Kontrollieren, Konfrontieren, Überreden, Überzeugen, Belohnen, Bestrafen usw. entgegengesetzt, nutzen „wir Gutmenschen" allerdings eher passive „Waffen", wie Schweigen, Rückzug, Vergessen, Übersehen, Flucht in die Krankheit, Leiden, Sich-Opfern, aber auch eher verdeckte Manöver wie Tarnung, Täuschung, Intrigen, Verleumdung usw.
 
Um zum Eingangszitat von Friedrich Schiller zu kommen: Was jede Pflanze, jeder kleinste Grashalm tun, wenn sie mit großer Geduld und Hartnäckigkeit durch die Erde ans Licht brechen, wenn sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ihre individuelle Eigen- und Einzigartigkeit zum Ausdruck und zur Verwirklichung bringen, genau das tun wir auch und damit folgen wir dem „principium individuationis".
 
Evolutionsbiologen sehen dies ganz einfach und natürlich: Neben der Arterhaltung und Fortpflanzung geht es uns allen notwendigerweise an erster Stelle um unsere Selbsterhaltung. Das Individuum ist der einzige Lebensträger, wie Jung hervorhob, auf den es zuletzt ankommt. Ohne individuelle Lebewesen gibt es keine Gemeinschaft. Je mehr Macht und Einfluss wir als Einzelwesen haben, desto mehr können wir unser individuelles Leben durchbringen und unsere Gene verbreiten. Je machtvoller wir sind, desto mehr Sexualpartner und Kinder können wir haben und desto mehr können wir für diese sorgen.
 
Das schließt Kooperation und Solidariät mit anderen Menschen keineswegs aus, denn die Gemeinschaft ist ja gleichzeitig auch unsere Lebensbasis. Oft aber ist es schwer, beiden Seiten in guter Weise gerecht zu werden. Deshalb gehört der Konflikt zwischen dem Individuellen und der Gemeinschaft zu den zentralen Themen der Individuation.
 
Während sich große Religionen und Philosophen seit Thukydides, Platon, Aristoteles und Augustinus, die des Mittelalters und der Scholastik, der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts mit den Beziehungen zwischen Herrschenden und Beherrschten, der Macht der Besitzenden und des Kapitals, der Macht des Staates gegenüber dem Individuum, der Ausübung von Macht und Recht beschäftigten, fanden Schopenhauer und vor allem Nietzsche einen anderen Ausgangspunkt: den Willen oder auch den Trieb zur Macht als Ausdruck des Lebens und des Menschen.
 
Freud stand offenbar so unter der Macht seiner Sexualdoktrin, dass es ihm nicht möglich war, die Thesen von Nietzsche oder Adler in sein Denksystem zu integrieren. Aber selbst für Alfred Adler, der das Machtstreben in den Mittelpunkt seiner Psychologie stellte, war dieses am Anfang vor allem ein Ausdruck einer Kompensation und Überkompensation von erlebter Minderwertigkeit. Das Machtstreben hat er wohl erst später als genuines Bedürfnis angesehen.
 
Jung sah den Eros und das Machtstreben als gleichwertige Kräfte an und sah darüber hinaus noch weitere zentrale Wirkfaktoren der Psyche. Aber auch bei Jung ist recht auffällig, dass das Phänomen der Macht direkt wenig behandelt wird; es erscheint meist indirekt verbunden mit anderen Themen, z. B. dem Unbewussten, den Komplexen, der Mana-Persönlichkeit, dem Heldenweg, dem Selbst, also in Verbindung mit innerpsychischen Kräften.
 
Erstaunlich also: Auch unter Tiefenpsychologen, die doch die hell-dunkle Ganzheit des Menschen berücksichtigen wollen, wird das Motiv der Macht kaum ausreichend differenziert diskutiert. Ein Grund könnte in der Ethik des „guten Menschen" liegen. Psychologen, Ärzte, Theologen und andere sozial Tätige haben meist eine sehr hohe Berufsethik. Obzwar sie in vieler Hinsicht sehr mächtig sind, dürfen sie in ihrem Handeln und Selbstbild nicht selbstsüchtig und mächtig sein: Sie müssen bewusst, abstinent, neutral, stillschweigend, reif, einfühlsam, geduldig, „containend", aushaltend, aufopfernd, verantwortungsvoll, immer wohlwollend und hilfsbereit sein. Zuzugeben, dass auch sie triebgesteuert, geldgierig, machthungrig und klatschsüchtig sind, ist mit einer solchen idealen Persona schwer zu vereinbaren.
 
Ein weiterer Grund für die Tabuisierung der Macht in diesen Berufen könnte der sein: Erfolgreiche Machtausübung hängt oft auch damit zusammen, dass sie als solche nicht recht bemerkt wird. Wenn sie von Anderen deutlich erkannt würde, könnten diese sich besser und berechtigter gegen sie wehren. Also wird Machtausübung oft mit „guten" Gründen und „edlen" Motiven bemäntelt: „Ich meine es doch nur gut mit Dir", „Ich will doch nur dein Bestes!" ... So müssen gerade auch „gute, liebevolle Menschen" sich mit ihrem meist verleugneten Macht-Schatten konfrontieren.
Es sind besonders altruistische Persönlichkeiten, vor denen man sich in acht zu nehmen hat! Wir sind eben keine Götter, wir haben einen Schatten, und wir haben eine düstere Ahnung davon, dass es hinten irgendwo nicht stimmt. Manchmal braucht man fünfzig Jahre, bis man das merkt. 
(C. G. Jung, Kinderträume, S. 199)
Das Prinzip der Polarität und der Selbstregulation macht uns verständlich, dass Leiden, Stress und psychische Störungen vor allem dann entstehen, wenn wir einen Teil der gegebenen psychischen Polaritäten verdrängen. Die eigenen Machttendenzen zu erkennen, zu akzeptieren und auch bewusst zu nutzen, lässt uns die in der Abwehr gebundene Energie zurück gewinnen.
Vom einseitigen Standpunkt der Bewusstseinseinstellung aus gesehen, ist der Schatten ein minderwertiger Persönlichkeitsanteil und wird daher verdrängt durch intensiven Widerstand.
Das Verdrängte muss aber bewusst werden, damit eine Gegensatzspannung entstehe, ohne welche keine Weiterbewegung möglich ist.
Das Bewusstsein ist gewissermaßen oben,
der Schatten unten, und da Hoch immer nach Tief strebt und Heiß nach Kalt, so sucht jedes Bewusstsein, ohne es vielleicht zu ahnen,
nach seinem unbewussten Gegensatz,
ohne den es zu Stagnation,
Versandung oder Verholzung verurteilt ist.
Nur am Gegensatz entzündet sich das Leben.
 
(C. G. Jung, GW 7, § 78)
Wenn wir uns mutig mit unserem Macht-Schatten bis in seine dunkelsten Abgründe auseinandersetzen, haben wir uns nicht nur einer unangenehmen Selbsterkenntnis und höherer moralischer Verantwortungsbewusstheit zu stellen, sondern auch einen kaum erwarteten Gewinn. Wir können dann auch die Freude und Lust der Selbstwirksamkeit, der Effektivität, des Leistungsstolzes deutlicher erleben, uns ganzheitlicher und dynamischer fühlen und das Leben in seiner ganzen Mächtigkeit in uns pulsieren spüren. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen:
„Möge die Macht mit Dir sein!" *
 
Ihre Anette und Lutz Müller
 
*Das ist der Abschiedsgruß der „Jedi-Ritter" aus dem Film-Epos „Krieg der Sterne", wobei die Macht eine Art unpersönliche Lebens-Energie bezeichnet, die das Universum durchflutet.
 
 
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