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Heft 24: Was für ein Glück

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Heft 24
 
August 2010 Schwerpunkt: Was für ein Glück!
 
  • Wilhelm Schmid: Glück für alle – doch welches Glück?
  • Ingrid Riedel: Glücksmomente | Vom Auskosten des Lebens
  • Anton A. Bucher: Glück, eine Sehnsucht, die nicht altert | Bausteine der Glückspsychologie 
  • Dirk Revenstorf: Macht Therapie glücklich? 
  • Hildegunde Wöller: Spuren des Glücks in der Bibel
  • Lama Dawa Tarchin Phillips: Das Glück findet sich nicht mit dem Willen | Glück und Freude aus buddhistischer Sicht 
  • Luise Reddemann: Glücklicher mit Johann Sebastian Bach!
  • Diethild Laitenberger: Die Goldkinder. Verarmung – Entwicklung – Glück
  • Sigrid Voss: Vom gebrochenen Glück
  • Esther Böhlcke: Glücksritter, Spieler und Paradiessehnsüchte

    FÜR SIE GESEHEN
  • Dieter Volk: Ein perfekter Platz („Fauteuils d’orchestre“) – Immer in der ersten Reihe?
  • Bernd Leibig: Vom Glück des Schornsteinfegers (Glosse)

    BERICHTE
  • Gerhard Walch: Erich Neumann, 50 Jahre nach seinem Tod
 
Editorial:

Liebe Leserinnen und Leser,

Im Bereich Psychologie und Psychotherapie bahnt sich in den letzten Jahrzehnten eine Wende an, die, mit wenigen Ausnahmen, von den klassischen tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Richtungen kaum wahr oder gar ernst genommen wird. Es handelt sich um die Wende von einem eher psychopathologischen, medizinischen Menschenbild hin zu einer Perspektive, die mehr die gesunden und schöpferischen Potenziale des Einzelnen berücksichtigt. Zwar ging es auch in der traditionellen Psychoanalyse schon immer um eine Befreiung von gesellschafts- und kulturbedingten Lust- und Triebeinschränkungen, auch hier schon ging es um Liebes-, Arbeits- und Genussfähigkeit. Aber der Weg dorthin führte primär über das Durcharbeiten traumatischer Erfahrungen, Pathologien, Defizite, Konflikte und Komplexe.
 

Die Hauptorientierung des Therapeuten bestand in der Frage: Was ist das unbewusste Problem? Welcher Konflikt liegt vor? Wo sind infantile, unreife Persönlichkeitsanteile? Wie sind die frühen prägenden Kindheitserfahrungen, die familiären Beziehungsmuster gewesen? Den therapeutischen Heil- und Wirkfaktor sah man vor allem darin, eben jene ursächlichen unbewussten Zusammenhänge herauszufinden, zu klären, durchzuarbeiten und damit erweiterte Erlebens- und Handlungsspielräume
zu gewinnen.

Verständlicherweise waren bei einer solchen primär defizit- und konfliktorientierten Sichtweise die positiven Emotionen und Erlebensdimensionen wie Freude, Humor, Glück, Liebe, Schönheit, Güte, Dankbarkeit, Akzeptanz, Gelassenheit, Vergebungsbereitschaft, Freundlichkeit, Weisheit, Optimismus, Kreativität, Lust oder gar Ekstase kaum Gegenstand therapeutischer Fokussierung und Zielsetzung. Sie wurden bestenfalls als Begleitergebnis eines langen Prozesses der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten angesehen.

Symptomatisch für die Verdrängung der genannten positiven Aspekte ist, dass in den klassischen tiefenpsychologischen Werken solche Begriffe in den Sachverzeichnissen kaum zu finden sind. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts besannen sich Psychologen und Therapeuten verstärkt auf die positiven Emotionen und Erlebensformen als mögliche heilsame Ressourcen.

Die Humanistische Psychologie, die insbesondere mit den Namen Maslow, Pearls und Rogers verbunden ist, das von Antonovsky seit den 1970er Jahren begründete Salutogenese- Konzept, die ebenfalls etwa zur gleichen Zeit sich entwickelnde Glücksforschung und die akademische „Positive Psychologie" versuchten, die klassischen defizitorientierten Menschenbilder und Behandlungskonzepte durch Modelle und Methoden zu ergänzen, die die besonderen Begabungen und Potenziale eines Menschen berücksichtigen und ihm dabei helfen, sein Leben freudvoller und lebenswerter zu machen.

Als ein früher Pionier einer solchen neuen Sichtweise kann auch C. G. Jung angesehen werden. Er wies immer auf die schöpferische, konstruktive, finale Dynamik der Psyche hin und sah sogar in der Neurose einen heilsamen, auf die Ganzheit des Menschen hinzielenden Sinn.

„Irgendein psychologischer Tatbestand lässt sich niemals erschöpfend aus seiner Kausalität allein erklären, indem er als lebendiges Phänomen immer in die Kontinuität des Lebensprozesses unauflöslich verknüpft ist, so dass er zwar einerseits stets ein Gewordenes, andererseits aber auch stets ein Werdendes, Schöpferisches ist." (Jung, zit. n. Jacobi, Mensch und Seele, 1971, S. 39)

„Der Mensch ist nur halb verstanden, wenn man weiß, woraus alles bei ihm entstanden ist. [...] Das Leben hat auch ein Morgen, und das Heute ist nur dann verstanden, wenn wir zu unserer Kenntnis dessen, was gestern war, noch die Ansätze des Morgen hinzufügen können. Das gilt von allen psychologischen Lebensäußerungen, selbst von den krankhaften Symptomen. (Jung, zit. n. Jacobi, ebd. S. 305)

Auch unter ressourcenorientierter Perspektive lassen sich viele Aspekte der Analytischen Psychologie als zukunftsweisend ansehen, denken wir an die bereits angesprochene final-prospektive Sichtweise, an die Selbstregulation, an die vielen spielerisch-kreativen Methoden. Dennoch gibt es nur sehr wenige positive Äußerungen zum Glücksbegriff oder zur Freude bei Jung.

In einem Interview antwortete Jung auf die Frage, was nach seiner Ansicht die Voraussetzungen zum Glücklichsein sind:

„1. Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.

2. Gute persönliche, nahe Beziehungen wie z. B. in der Ehe, in der Familie, und in Freundschaften.

3. Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst und der Natur wahrzunehmen.

4. Angemessene Lebensbedingungen und eine befriedigende Arbeit.

5. Eine philosophische oder religiöse Weltanschauung, die einem helfen kann, mit den Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich zu Rande zu kommen." (Jung, Gespräche mit C. G. Jung, 1986, S. 313)

Damit benennt Jung durchaus einige der grundlegenden Faktoren, die auch von modernen Glücksforschern als zentral bezeichnet werden. Er ist aber sehr zurückhaltend, was ein aktives Anstreben und dauerhafteres Erreichen von Glückszuständen angeht und betont, dass Leiden und Glück ein dem Leben notwendiges Gegensatzpaar sind.

„Selbstverständlich kann es ohne Leiden kein Glück geben. Der deutsche Philosoph Schopenhauer sagte, Glück sei nur das Ende des Leidens. Das ist eine etwas negative Definition. Insofern Leiden ein sehr realer Zustand ist, muß Glück ebenso real sein. Aber bedauerlicherweise können die beiden nicht ohne einander bestehen. Sie sind so eng verbunden, daß Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt intensivstes Leiden eine Art übermenschlichen Glücksgefühls hervorrufen kann. Sie bilden ein dem Leben unerlässliches Gegensatzpaar." (Jung, Briefe 1, S. 313)

„Alle Faktoren, die man gemeinhin als glückbringend betrachtet, können unter bestimmten Umständen das Gegenteil hervorbringen. Selbst die idealsten Voraussetzungen sind keine Garantie für das Glück. Eine vergleichsweise kleine Störung im biologischen oder seelischen Gleichgewicht kann genügen, um das Glück zu zerstören. Weder eine gute Gesundheit, noch günstige finanzielle Verhältnisse, noch ungetrübte Familienverhältnisse können einen z. B. vor unsäglicher Langeweile bewahren - vor einer Langeweile, bei der sogar eine Veränderung der Verhältnisse, durch eine nicht zu schlimme Krankheit ausgelöst, eine willkommene Abwechslung wäre." (Jung, Gespräche mit C. G. Jung, 1986, S. 314 f)

Diese polare Sichtweise von Glück und Unglück hat aber dennoch dem Glückserleben in Jungs Werk nur wenig Raum eingeräumt, wenn man davon absieht, dass die Individuation für ihn das höchste Glück darstellt (vgl. Zitat S. 8) Unter den deutschsprachigen Autoren der Analytischen Psychologie sind es insbesondere Verena Kast (z. B. Freude, Inspiration, Hoffnung, 1991), Lutz Müller (z. B. Trotzdem ist die Welt ein Rosengarten, 1996, 2010) und Riedel (z. B. Geschmack am Leben finden, 2004), die in ihren Büchern immer wieder auch die positiven Aspekte des Lebens in den Mittelpunkt stellen. Verena Kast hat beispielweise empfohlen, neben der üblichen Krankheitsanamnese auch eine Glücks- und Freudenanamnese zu erheben und diesbezüglichen Tabuisierungen und Hemmungen therapeutisch aufzuarbeiten.

Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die Analytische Psychologie im Hinblick auf den bewussten Einbezug von Glücks- und Wohlfühlfaktoren in ihr Persönlichkeits- und Behandlungskonzept noch einigen Nachholbedarf hat. Dabei sind wir überzeugt, dass dies rasch und mühelos gelingen kann, weil die Grundausrichtung der Analytischen Psychologie schon immer ganzheitlich, kreativ, final-prospektiv orientiert ist.

Wir würden uns freuen, wenn es den Autoren dieses Heftes gelingen würde, auch in Ihnen Hoffnung und Begeisterung dafür zu wecken, dass Dankbarkeit, Freiheit, Liebe, Freude, Glück, Humor und schöpferisches Leben Werte sind, für die es sich lohnt, zu leben.

Ihre
Anette und Lutz Müller
Für das Redaktionsteam

 
 
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