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Heft 36: Gehirn und Seele

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Heft 36
 
September 2016  SCHWERPUNKT: GEHIRN UND SEELE
 
  • Bernd Leibig: Bauch, Herz, Hirn – Neurobiologie der Gefühle
  • Ursula Kiraly-Müller: Das Ich - ein Sandkorn im Universum?
  • Christian Schubert: Ein Blick durch die biopsychosoziale Brille | Warum Immunologie und Psychotraumatologie immer näher zusammenrücken
  • Hinderk M. Emrich: Angst – Die Wirkung auf das Gehirn und die Seele
  • Günter Schiepek: Die Dynamik des Selbst: Neuronale Grundlagen und Konsequenzen für die Psychotherapie
  • Interview mit Wanja Wiese: Niemand war oder hatte jemals ein Selbst
  • Interview mit Dr. med. Tilman (Lhündrup) Borghardt: Was macht die Meditation im Gehirn?
  • Konstantin Rößler: Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind | Das träumende Gehirn

  • FÜR SIE GESEHEN
    Volker Münch: Filminterpretation MATRIX – Über das richtige Leben im Falschen

Editorial:

Liebe Leserinnen und Leser,
auf diese Ausgabe haben Sie leider länger warten müssen als üblich. Das hat mehrere Gründe. Einer der Gründe ist, dass wir das Heft mit einem geplanten Symposium im November, an dem wir einige Themen dieses Heftes noch tiefgehender diskutieren, abstimmen wollten.
 
Jetzt glauben wir, dass uns das gelungen ist und wir freuen uns, Ihnen mit diesem Heft wie auch auf dem Symposium sehr kompetente Autoren auf diesem brisanten Gebiet vorstellen zu dürfen.

Was ist aber überhaupt so brisant an der Hirnforschung? Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass da doch eigentlich nicht viel mehr rauskommen kann, als das, was wir bei einiger guter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung eigentlich schon immer gewusst haben. Das Gehirn ist in seiner jetzigen genetisch angelegten Struktur viele Jahrtausende alt und die Menschheit hat in dieser Zeit über tierisches und menschliches Erleben und Verhalten so viele Kenntnisse erworben, dass nicht zu erwarten ist, dass auf einmal ganz neue Einsichten auftauchen.

Dieser Standpunkt ist sicherlich gerechtfertigt und insofern könnten wir auch gelassen abwarten, was sich da weiter ergibt. Insbesondere auch für die Tiefenpsychologie könnte die Hirnforschung weniger etwas Bedrohliches als vielmehr ein Glücksfall gewesen sein, denn sie bestätigt bisher sehr viele ihrer Grundannahmen. Viele Fragestellungen, wie z. B. die von frühkindkindlichen Prägungen, von unbewussten konflikthaften wie kreativen Einflüssen auf das menschliche Erleben und Verhalten, wurden von der akademischen Psychologie lange Zeit wenig beachtet, wenn nicht sogar verleugnet, und erfahren nun eine beachtliche Renaissance.

Wie der amerikanische Psychologe John Bargh, Professor an der Yale-Universität, die Situation in einem Interview (Bargh 2011) formuliert:

Seit wir daran forschen, geht es immer nur in eine Richtung. Es heißt nie: „Oh, wir dachten, das wäre unbewusst und jetzt haben wir herausgefunden, es ist doch bewusst.“ Nein, ganz im Gegenteil, je mehr wir forschen, desto mehr lernen wir, dass das Bewusste immer weniger und weniger wird ...

Das ist sicher eine bittere Pille für alle kognitiv- behavioral eingestellten Psychologen, die lange Zeit mit der „black box“ innerer psychischer Prozesse nichts zu tun haben wollten. Die ängstlich gemiedene und abgewertete „black box“ erweist sich nun als das weitgehend unbewusst arbeitende „Motherboard“, der „Zentralprozessor“ und das „Betriebssystem“ des Psychischen. Bewusste Gedanken und Verhaltensweisen sind nicht die Ursachen, sondern die Resultate vorauslaufender interner, sich selbst organisierender Vorgänge, von denen wir das Allermeiste gar nicht mitbekommen.

Wo man in der Verhaltenspsychologie zuvor bemüht war, einfachste lineare Reiz-Reaktionsmodelle aufzustellen, die sich am Verhalten von Plattwürmern, Mäusen und Tauben orientierten, sieht man sich nun mit einem höchst komplexen und kreativen bio-psycho-sozialen Organismus konfrontiert. Ständig entwickeln, entfalten und konstruieren sich bewusste und unbewusste Wahrnehmungen, Emotionen und Kognitionen, Bewusstsein, Erleben und Verhalten eines Individuums. In diesem Prozess ist es ebenso aktiv wie passiv, ebenso bewusst wie unbewusst: Es ist fortwährend regulativen Prozessen von Außen und von Innen ausgesetzt und wirkt immer auch rückwirkend auf seinen Gesamtorganismus und auf seine natürliche und soziale Umwelt ein. Es ergeben sich unendliche interne Feedbacks und Schleifen, hier verläuft nichts eindeutig linear, sondern vieldeutig zirkulär, rekursiv, synergetisch, experimentell, paradox, kreativ, oft auch chaotisch, unvorhersehbar, unvorhersagbar. Und das alles, ohne dass wir es recht bemerken oder gar steuern könnten.

Nach Schätzungen von G. Roth kommen auf eine bewusste Informationseinheit jeweils eine Million unbewusster Informationen (vgl. dazu den Artikel von B. Leibig in diesem Heft). Das Gehirn ist also weit überwiegend mit der Verarbeitung interner Prozesse beschäftigt.

Eine bewusste Wahrnehmung vieler dieser unbewussten Hintergrundsprozesse würde uns nicht nur bei Weitem überfordern, sondern die Prozesse auch stören und ein einigermaßen übersichtliches und klares Bewusstsein unmöglich machen.

Der relative kleine „Arbeitsspeicher“ des Bewusstseins kann nur funktionieren, wenn zuvor eine Unmenge von äußeren wie inneren Reizen ständig nach „wichtig“ und „unwichtig“, nach „bekannt“ und „unbekannt“ bewertet, selektiert, ausgefiltert und zu relativ einfach strukturierten Mustern und Gestalten modelliert wird, mit denen wir dann bewusst umgehen können.

Mit den Neurowissenschaften erfüllt sich eine alte Hoffnung Sigmund Freuds, die Psychologie auf eine neurobiologische Basis zu stellen, eine Hoffnung, die sich damals noch nicht erfüllen konnte, weil dazu geeignete Methoden fehlten.

Auch für C. G. Jung müssten die Neurowissenschaften eine sehr willkommene Entwicklung sein, denn sie bestätigen viele seiner Hypothesen, wie z. B. die von der Selbstregulation der Psyche, dem Primat der Psyche (siehe S. 62) und dem kollektiven Unbewussten.
 
Die Ähnlichkeit der Verhaltensweisen, Symbole und Mythenmotive in ihrem Vorkommen auf der ganzen Erde fand Jung in der Entwicklungsgeschichte der vererbten Struktur des Gehirns begründet, eine Hypothese, die heute als bestätigt gelten kann. Unsere Hirnstruktur ist wie der ganze Organismus das Ergebnis eines millionenjahrelangen evolutionären Anpassungsprozesses. Das arttypische Funktionieren unseres Körpers und Nervensystems lässt alle Menschen und genetisch verwandte Tiere in ähnlicher Weise leben, fühlen und reagieren.

Natürlich konnten die Annahmen Freuds und Jungs vor teilweise mehr als 100 Jahren nicht in gleicher Weise formuliert werden, wie wir es heute vor dem Hintergrund unseres Wissens über Genetik, Nervensystem, Biochemie und Informationsverarbeitung tun können. Aber sie können uns doch noch sehr als geniale und visionäre Ideen imponieren.

Jung ging zudem nicht nur von einem engen Zusammenhang zwischen Psyche und Gehirn und Körper aus, sondern – in seiner typisch vorsichtig-andeutungsweisen Sprache – gar von einer Identität:

Das eine ist das andere, und der Zweifel befällt uns, ob nicht am Ende diese ganze Trennung von Seele und Körper nichts sei als eine zum Zwecke der Bewußtmachung getroffene Verstandesmaßnahme, eine für die Erkenntnis unerläßliche Unterscheidung eines und desselben Tatbestandes in zwei Ansichten, denen wir unberechtigterweise sogar selbständige Wesenheit zugedacht haben.
Jung, GW 8, § 619

Aber genau hier beginnen auch die strittigen und brisanten Aspekte der aktuellen Hirnforschung. Was lange Zeit vielleicht nur von einigen als weltfremd abgeurteilten Philosophen, Wissenschaftlern und und Psychologen hinterfragt wurde, wird jetzt in zunehmend breiterer Öffentlichkeit heftig diskutiert:

Wie ist das mit dem sogenannten freien Willen? Wie ist das Verhältnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem, von Vernunft, Trieben und Emotionen? Wie hängen Körper, Gehirn und Seele eigentlich zusammen? Sind sie eine Einheit oder eine Dreiheit? Macht das Gehirn die Seele? Oder macht die Seele das Gehirn? Was war zuerst? Oder verhalten sich beide wie Hardware und Software eines Computers? Wie konnte sich dann beides in einer solch intelligenten, aufeinander abgestimmten Weise entwickeln? Gibt es dafür einen latenten Bauplan oder verlief alles zufällig? Aber warum eigentlich hat sich das überhaupt entwickelt?

Und weiter: Ist unser Wirklichkeits- und Ich- Erleben nur eine Illusion? Was ist dann überhaupt noch wirklich? Leben wir in virutellen Welten? Wie ist das mit dem Weiterleben der Seele nach dem Tod? Verschwinden wir einfach in ein unbekanntes Nichts wie das, in dem wir vor unserer Geburt waren? Oder gibt es etwas Essentielles von uns, das in irgendeiner Form weiterexistiert?

Wie werden wir in der Zukunft mit künstlicher Intelligenz und mit virtuellen Welten zurechtkommen? Werden wir eines Tages Teile unserer Identität auf künstliche Systeme übertragen? Welche Gefahren sind mit diesen Innovationen verbunden?

Wie sind die Grenzen und Möglichkeiten unserer zukünftigen psychischen Entwicklung? Welche Auswirkungen haben die neuen Erkenntnisse auf unsere Einstellung zu Religion und Spiritualität? Gibt es ein Jenseits, Gott oder die Transzendenz? Gibt es so etwas wie Erleuchtung? Oder lügen wir uns bei vielen dieser spirituellen Themen selber etwas „in die Tasche“, wie Thomas Metzinger meint und der nachdrücklich eine „spirituelle Redlichkeit“ fordert? Oder gibt es doch trotz allem – oder gerade deswegen – ein schöpferisches, sinnerfülltes symbolisches Leben?

Wir würden uns freuen, wenn Sie sich von diesen Fragen angeregt, herausgefordert, auch inspiriert fühlen und wir einige von Ihnen zum Symposium im November begrüßen dürften.

Mit herzlichen Grüßen und Wünschen
Ihre
Anette und Lutz Müller
 
 
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