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Heft 34: Eros und Sexualität

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4.32 MB
Heft 34
 
September 2015  Schwerpunkt: EROS UND SEXUALITÄT
 
  • Gerhard Wehr: Heilige Hochzeit - Mysterium Coniunctionis
  • Dirk Revenstorf: Sexualität und Leidenschaft
  • Roland Heinzel: Eros und Chaos – das Spiel der Gegensätze
  • Annette Kuptz-Klimpel: Von Pia’s Pipimaus und dem fliegenden Penis | Psychosexuelle Entwicklung im Spiegel der Kinderpsychotherapie
  • Beate Kortendieck-Rasche: Frauenemanzipation und Sexualität
  • Monika Rafalski: Weibliche Sexualität, Eros und Transzendenz
  • Hans Jellouscheck: Körperliche Liebe im Alter
  • Konstantin Rößler: Sexualität in Träumen | Sexuelle Symbolik als Ausdruck seelischer Transformation
  • Irene Berkenbusch: Emanzipation durch Eros und Sexualität in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle

    FÜR SIE GESEHEN
  • Hans Dieter Knoll: Eyes Wide Shut - Film von S. Kubrik
  • Volker Münch: Der Fall Wilhelm Reich - Film von A. Svoboda

Editorial:
 
Liebe Leserinnen und Leser,
  
Rückschauend kann ich sagen, dass ich der Einzige bin, der die zwei Probleme, die Freud am meisten interessiert haben, sinngemäß weitergeführt hat: das der „archaischen Reste“ und das der Sexualität.
 
 Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu meinen, ich sähe den Wert der Sexualität nicht. Im Gegenteil, sie spielt in meiner Psychologie eine große Rolle, nämlich als wesentlicher - wenn auch nicht einziger - Ausdruck der psychischen Ganzheit.
 
Diese Zitate von Jung aus seinen Erinnerungen (S. 172) überraschen möglicherweise, denn bis heute begegnet man der Meinung, er habe das Thema Sexualität eher vernachlässigt. Außerdem habe Jung, so die Kritiker, die reale, triebhafte und biologische Seite der Sexualität abgewehrt, indem er vor allem deren symbolische und spirituelle Aspekte hervorgehoben habe. Und selbst diese habe Jung in seinen oft recht schwer zugänglichen Werken (z. B. Psychologie der Übertragung und Mysterium Coniunctionis) hinter einem Vorhang historischer Amplifikationen, griechisch-lateinischer Zitate und kryptischer Kommentare verschleiert.
 
Hinsichtlich dieser Kritik wird man Jung zugute halten können, dass es damals auch schwer gewesen sein mag, zur Frage der biologischen Sexualität noch eigene Gedanken zu äußern. Dieses Feld war besetzt durch Freud und seine Nachfolger, wie z. B. Rank und Reich.
 
Denkbar auch, dass er es – aufgrund einer Biographie, in der es sicher genug belastende wie tiefreichende sexuelle Erfahrungen gab – nicht wagte, sich so offen und direkt zu äußern, wie er es möglicherweise gekonnt hätte.
 
Jung hatte zudem den Eindruck, dass für Freud die Sexualität fast eine religiöse Funktion und Bedeutung besaß, er sich diesen Aspekt aber nicht zugestehen konnte oder wollte:
 
Es war aber mein Hauptanliegen, über ihre persönliche Bedeutung und die einer biologischen Funktion hinaus ihre geistige Seite und ihren numinosen Sinn zu erforschen und zu erklären; also das auszudrücken, wovon Freud fasziniert war, was er aber nicht fassen konnte.
 
Jung verstand den mit der Sexualität verbundenen Begriff der Libido umfassender als Freud, nämlich als universelle schöpferische Lebensenergie, von der die Sexualität ein Teil war. Er wollte die anderen psychischen, geistigen, kulturellen und spirituellen Aspekte der psychischen Energie nicht zugunsten einer reduktionistischen biologischen Auffassung opfern.
 
Um der Vielschichtigkeit des komplexen Problems der Sexualität gerecht zu werden, wusste sich Jung zu der damaligen Zeit nicht anders zu behelfen, als sich diesem Mysterium der Gegensatzvereinigung durch den Vergleich mit Symbolen und menschheits- und geistesgeschichtlichen Parallelen zu nähern.
 
Für seine Konzeption der Libido als schöpferische Lebensenergie fand er Vorläufer im Hinduismus (Prana, Lebensatem, Lebensenergie), im Taoismus (Chi, Qi), der Antike (Pneuma), später in der deutschen Naturphilosophie (Goethe, Schelling, Hegel), in der Kabbala und der Alchemie (vgl. dazu insbesondere den Aufsatz von G. Wehr in diesem Heft).
 
Auch im Tantrismus gibt es die Vorstellung, dass sich eine (polare mann-weibliche) Lebensenergie (Kundalini, vgl. S. 40), die auch in Beziehung zur Sexualität steht, in einem ganzheitlichen, körperlich-meditativ-imaginativen Prozess von der untersten biologisch-sexuellen Basis bis in spirituelle Dimensionen hinein entfaltet.
 
Die Sexualität hatte für Jung also – neben der triebhaft-biologisch-körperlichen Seite – auch eine geistig-schöpferische Seite, die auf die Ganzwerdung des Menschen hinzielte. Diese ist eng mit dem Animus-/Anima-Konzept der Analytischen Psychologie verbunden. Fantasien und Sehnsüchte, die wir in der erotischen und der sexuellen Begegnung anstreben, beziehen sich danach nicht nur auf einen konkreten äußeren Partner, sondern auf unsere unbewussten Sehnsuchtsbilder nach Einheit und Ganzheit, auf unser eigenes unbekanntes Männliches und Weibliches, das wir auf den Partner projizieren.
 
In der diffizilen Aufgabe der Bewusstseinsentwicklung, neben unseren Schattenseiten auch die Animus/Anima-Aspekte als Projektionen zu durchschauen, diese zu uns und nach innen zu nehmen, um sie dort kreativ werden zu lassen, sah Jung das Meisterstück der Individuation.
 
Die mystische Hochzeit, das „Mysterium coniunctionis“, die Jung im Mythos, in der Alchemie und der Mystik dargestellt fand, interpretierte er dementsprechend als die Vereinigung mit den gegengeschlechtlichen Polaritäten der Psyche. Man integriere das zwar unbekannte, aber dennoch Ureigenste. Diese innere Hochzeit könne schließlich zur Erfahrung der Ganzheit des Selbst führen.
 
Ob und inwieweit dies möglich ist, mag jeder für sich vor seinem eigenem Erfahrungshintergrund entscheiden. Bedenkenswert ist aber, dass die vollständige Rücknahme der mann-weiblichen Projektionen vermutlich nicht im Sinne der Evolution ist, deren ganz wesentliches „Interesse“ ja darin liegt, uns durch die entsprechenden Projektionen konkret und real zur biologischen Fortpflanzung zu bringen.
 
In einer nur innen erlebten Vereinigung würden zudem auch der konkrete Beziehungsaspekt und der leibhafte Aspekt fehlen, etwas, was zur Ganzheit ebenso wie zur Individuation dazugehört.
 
In den überlieferten Traditionen tantrischer und taoistischer Liebeskunst wurde beides zugleich angestrebt. Die konkrete sexuelle Vereinigung mit einem Liebespartner sollte gleichzeitig als die Vereinigung von Göttin und Gott, die erotischen Hochgefühle gleichzeitig als individuelle wie auch als kosmische Schöpfungsfreude erlebt werden, der gemeinsame ekstatische Rhythmus sollte dazu führen, sich im Einklang mit dem TAO zu fühlen.
 
Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die spirituellen Aspekte der Sexualität wieder näher beleuchtet und relativ unbefangen diskutiert mit dem Ergebnis: Sehr wahrscheinlich gibt es sexuelle Gipfelerfahrungen, die denen entsprechen, die man aus der tantrischen Literatur oder mystischen Erfahrungen kennt, Erfahrungen, die sich wie eine „mystische Hochzeit“ oder eine heilige Hochzeit zwischen Frau und Mann, Göttin und Gott anfühlen.
 
In sexueller Ekstase neigen manche Menschen etwa dazu, „Oh Gott, oh Gott“ zu rufen, so, als gäbe es für diese Erfahrungen keine bessere oder adäquatere Bezeichnung. Das könnte auch Skeptiker nachdenklich stimmen hinsichtlich der Frage, ob Sexualität eine numinos- religiöse Seite hat.
 
Und wenn es nun tatsächlich möglich sein sollte, in der erotischen Begegnung einen solchen Bewusstseinszustand zu kultivieren und länger als üblich in einer entsprechenden Verfassung der Glückseligkeit und Einheit zu bleiben? Könnte das unsere Einstellung zur Beziehung von Frau und Mann, zu Körper und Sinnlichkeit, zur Sexualität und zum Schöpferischen nachhaltig beeinflussen?
 
Wie wärs, wenn wir das bei Gelegenheit einmal ausprobieren würden?
 
Mit besten Wünschen für eine erotisierende und inspirierende Lektüre
 
Ihre
Anette und Lutz Müller
 
 
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