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Heft 33: Musik - Klang der Seele

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4.96 MB
Heft 33
 
März 2015  Schwerpunkt: Musik - Klang der Seele
 
  • Gerhard Heydt: Musik, Musik, Musik
  • Peer Abilgaard: Von der Sehnsucht nach einer Musik, die heil macht
  • Bernd Leibig: Der Archetyp der Resonanz
  • Johannes Dürr: Gottes heiliger Lärm. Die Bedeutung der Orgel im Wandel der Zeiten
  • Karl-Josef Kuschel: Erfahrungen mit der Orgelmusik von Johann Sebastian Bach
  • Luise Reddemann: Einige Gedanken zur Wirkung der Matthäuspassion
  • Jörg Rasche: Beethoven, postheroisch
  • Beate Kortendieck-Rasche: Tango – Begehren und Begegnen
  • Anna Röcker: Musik und Achtsamkeit
  • Josef Marty: Alpsegen | Ein alpiner Sprechgesang und seine magischen Hintergründe
  • Klaus Aichele: „Hie kann nit sein ein böser Mut...“ | Warum es gut ist, in einem Chor zu singen
  • Wolfram Frietsch: Musik und Zahlensymbolik
  • Christian Bolte: Die Wesensverwandtschaft von Physik, Musik und Informatik

    FÜR SIE GESEHEN
  • Dieter Volk: Die fabelhaften Baker-Boys
 
Editorial:

 
Liebe Leserinnen und Leser,
  
die Musik sowohl in ihrer Gesamtheit wie auch in vielen ihrer einzelnen Aspekte gleicht einem vieldimensionalen lebendigen Mandala: In ihr kann sich die dynamische Fülle des Selbst symbolisieren. Männliches und Weibliches, Dunkles und Helles, Oberes und Unteres, Passives und Aktives, Geistiges und Erdhaftes, Bewusstes und Unbewusstes, Chaotisches und Harmonisches, Ekstatisches und Leidvolles, Erotisches und Kämpferisches verbinden sich in ihr zu einer schöpferischen Einheit.
 
Musik ist Ausdruck des fließenden, ständig sich wandelnden Seelen- und Lebensprozesses, in dem sich die verschiedensten Gegensätze in unendlichen Variationen, Färbungen und Nuancen immer wieder vereinen und lösen, auseinanderstreben und zusammenfließen, bekämpfen und versöhnen.
 
Die tiefreichende Wirkung der Musik auf uns liegt auch darin begründet, dass Töne und Geräusche uns von allem Anfang an durch unser Leben begleiten. Bereits im Mutterleib sind wir über das Hören mit dem Pulsschlag und den Urtönen des Lebens verbunden. Töne stellen die früheste wahrnehmbare Verbindung mit unserer Außenwelt dar.
 
Musik im weiteren Sinn kommt uns überall in der Natur entgegen. Singende Vögel, summende Insekten, Donner, Regen, Sturm, Hagel, das Rauschen des Meeres, eines Wasserfalls, das Gluckern einer Quelle oder eines Flusses, bedrohliches Knurren, Brüllen von Tieren: All das ist mehr als nur Geräusch, es ist Ausdruck des Lebens, „Lebensmusik", die uns mit unserem naturhaften und unserem göttlich-kosmischen Hintergrund verbindet.
Musik kann uns wie kaum eine andere Kunstform unmittelbar und tief ergreifen. Wir können uns ihrem zauberhaften Einfluss wenig verschließen. Musik erfasst unseren Geist, unsere Seele und unseren Körper als Einheit, wirkt auf unsere Stimmungen und Gefühle ein, sie steckt uns an, und wir beginnen sehr bald, sie auch auszudrücken, sei es im Schlagen des Rhythmus, sei es im Gesang und Tanz. Sie ist eine unserer elementarsten Lebenserfahrungen und Lebensäußerungen, in ihr und durch sie pulsiert das Leben.
 
Musik ist mit allen Lebensbereichen verknüpft: mit Arbeit, Entspannung, Freude, Tanz und Feier, Spaß und Spiel, Kampf, Krieg, Krankheit, Klage und Tod.
 
Musik ist ganzheitlich: Sie hat einen rationalen, nach Ordnung, Struktur und Klarheit strebenden Logos-Aspekt, ebenso einen starken Eros- und Gefühlsaspekt; es besteht ein ständiger Kampf zwischen Kontrolle und Hingabe, Festgefügtheit und Improvisation, Konzentration und Auflösung. Sie hat einen körperhaften Aspekt, und sie kann uns in den Bereich der Ahnung, des Unsagbaren, Intuitiv-Erfahrbaren, in transpersonale, symbolisch-archetypische Dimensionen unserer Seele führen.
 
Musik kann also sowohl strukturbildend, konzentrierend und klärend wirken und damit geistige Prozesse fördern, wie auch auflösend und rauschhaft sein. Dann stellt sie eine Verbindung zu den archaischen, triebhaften Urgründen unserer Seele und unseres Körpers her.
Solche ekstatische, dionysische Musik kann für den zivilisierten Menschen, der seine Verbindung zum natürlichen Leben verloren hat, heilend und wandelnd wirken. Auch die moderne Jazz-, Rock-, Technomusik können diese Bereiche beleben. Dass Jugendliche sich zu dieser Musik hingezogen fühlen, ist Ausdruck dafür, dass sie mit den Elementarkräften des Lebens (Bewegung, Sexualität, Aggressivität) in Berührung kommen wollen und diese Kräfte in ihnen nach Erfahrung, Ausdruck und Kanalisierung drängen.
 
Praktisch jedes einzelne Element der Musik kann zum Träger symbolischen Ausdrucks werden. Die Verwendung von bestimmten Instrumenten, Tönen, Tonarten, Melodien, Rhythmen, Tempi, Pausen, Figuren und Musikformen wurde schon in der Musik der alten Hochkulturen bewusst gestaltet und symbolisch eingesetzt.
 
Wir wissen, was es heißt, in „Moll" gestimmt zu sein, und spüren die aufhellende Wirkung des „Dur". Wir spüren, wie Märsche und Ouvertüren, wie Blechinstrumente, Pauken und Trompeten unmittelbar unseren Körper ansprechen, uns ermutigen, aktivieren, solidarisieren, uns das Gefühl von Energie und Kraft geben und das Heroische in uns wecken, wie sie uns helfen, Spannungen und Aggressionen abzureagieren.
 
Wir können erleben, wie die zarten, leisen Töne, vielleicht von Violinen, Harfen und Flöten, uns entspannen, uns öffnen für unsere weicheren, hingebungsbereiten Seiten, für die Liebe, für die Meditation.
 
Eine bestimmte Musik kann für einzelne Menschen oder Gruppen zum Symbol und Programm werden, ihr Lebensgefühl ausdrücken, wie zum Beispiel Wagners Opern im 19. Jahrhundert, der Beat in den 60er, der Techno in den 90er Jahren.
Musik scheint zugleich aus tiefsten wie aus höchsten Dimensionen zu kommen. Noch mehr als bei den bildenden Künsten können wir durch die Musik eine Verbindung zu „unsichtbaren", nicht anschaulichen, nicht konkreten Welten, zum göttlichen Kosmos wie zum Göttlichen in uns selbst erfahren.
 
Musik wurde schon in den alten Hochkulturen als von den Göttern kommend angesehen und als Ausdruck der Verbindung von Gott und Welt, Mensch und Kosmos und der Harmonie verstanden. In religiöser und kultischer Musik ist diese Bewusstseinsveränderung und -erweiterung ganz offensichtlich ein Ziel.
 
Ein symbolisch überaus ergiebiges Beispiel für alle diese umfassenden Aspekte ist Mozarts Oper „Die Zauberflöte", die uns deshalb durch dieses Heft und die einzelnen Themen begleiten soll.
 
So wünschen wir Ihnen und uns mit diesem Heft eine zauberhafte Reise durch die Mysterien der Musik.
 
Ihre
Anette und Lutz Müller
 
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